Elternsein

Gewissenskonflikt: Hilfe, mein Kind isst Fleisch | Wie ich für meine Familie Verantwortung übernehme und trotzdem bei mir selbst bleibe!

Eins der ersten Worte meiner Tochter war Fleisch. Auch wenn es sich eher nach „Faaaiiischh“ anhörte, wusste ich doch ganz genau was sie meint. Fleisch, ein Thema für sich. Ich selbst bin schon lange Zeit vegetarisch unterwegs und auch immer mal wieder phasenweise ganz vegan. Auf Fleisch verzichten ich komplett, Kuhmilch trinke ich nicht und Eier nehmen wir nur von glücklichen Hühnern, die wir persönlich kennen.

Und dann sind da noch mein Mann und mein Kind. Papa Kassandra liebt Steak und Burger, meiner Tochter schmeckt das ebenfalls. Ich mag es gar nicht und wir alle haben irgendwann mal Hunger. Juhuuu. Meine Tochter hat einen selbstbestimmten Beikoststart hinter sich und sagt auch deutlich was sie als Vollkost essen möchte. Sie hat Präferenzen. Sie folgt ihrem eigenen Geschmack. Sie lehnt angebotene Nahrung ab und sie sagt mir, was sie gerne essen möchte. Sie kennt die Lebensmittel und kann sie benennen. Und da beginnt er, der Konflikt zwischen meiner Überzeugung, meiner inneren Stimme und den Wünschen meiner Liebsten, die ich ebenfalls respektieren möchte.

Meine Strategie: stay veggie, be happy

Für meinen Mann kaufe ich kein Fleisch und bereite es auch nicht zu. Zumindest nicht täglich. Das kann er selbst, er ist ja schon groß. Hin und wieder klügel ich Rezepte aus, die tauglich sind für unseren Familientisch und die für alle okay sind. Jeder nimmt sich dann das, was er mag. Mehr dazu liest du hier auch regelmäßig auf dem Blog.

Warum ich nun doch Fleisch kaufe und auch zubereite?

Mein Mann ist erwachsen und kann sich selbst versorgen. Er kann meine Ablehnung gegen den Fleischkonsum annehmen und ich verstehe, dass er sein Essen genießen möchte. Für mein Kind habe ich eine ganz andere Verantwortung. In den ersten Lebensjahren ist meine Tochter darauf angewiesen, dass ich sie mit Nahrung versorge und dass ich ihr mit einer breiten Auswahl eine möglichst große Selbstbestimmung beim Essen ermögliche. Auch wenn sie Lebensmittel zu sich nimmt, die ich selbst aus Überzeugung ablehne: das Fleisch. Ich möchte ihr nichts vorenthalten, sondern ihr den Raum geben, eigene Erfahrungen zu sammeln. Ich trage die Verantwortung dafür und möchte meine Lebenseinstellung niemandem überstülpen. Auch nicht meinem Kind. Es soll frei wählen dürfen, ohne dass ich dabei missgünstige Gedanken hege oder es meine Ablehnung spürt.

Einzig Kuhmilch biete ich ganz bewusst nicht an. Nicht nur weil ich mit der nicht artgerechten Haltung der Tiere nicht einverstandnen bin, sondern auch weil sie für Kälbchen gedacht ist. Genau so wie die Milch aus der mütterlichen Brust für die Menschenbabys und -kinder. Ich bin überzeugt davon, dass Kuhmilch für einige mittlerweile gesellschaftsfähige Beschwerden und Erkrankungen verantwortlich ist und spekuliere darauf, dass meine Tochter erst danach verlangt, wenn ich mit ihr kindgerecht über meine Bedenken sprechen und ihr Alternativen vorschlagen kann. Aktuell ist das aber (noch) kein Thema bei uns.

Viel elterliche Macht und wenig Selbstbestimmung beim Essen

Sie funktioniert sowieso nur bei Babys und Kleinkindern, die sich nicht ohne unseren Schatten durch die Welt bewegen. Wenn ich auf Biegen und Brechen versuche meinem Kind Lebensmittel vorzuenthalten oder es davon zu überzeugen bestimmte Produkte vermehrt zu essen, Druck ausübe und über die Menge bestimme, dann wird es mit voranschreitendem Alter Strategien entwickeln, sich dieser erzieherischen Macht zu entziehen. Ich habe kürzlich in einer Diskussionsrunde einen Satz der Autorin von terrorpüppi, Katia Freudig, gelesen und möchte ihn gerne hier zitieren

„Es war mir ein Genuss, die Hilflosigkeit meiner Mutter zu sehen, wenn ich nicht aß. Sie mischte sich immer in alles ein, nichts gehörte wirklich mir, bis auf meinen Körper.“

Kontrolle und Untergrabung der Autonomie und Selbstbestimmung beim Essen kann auch darin münden, dass Kinder irgendwann ganz das Essen verweigern und einfach nur zu schlechten Essern werden oder im schlimmsten Fall ein gestörtes Verhältnis zur Nahrungsaufnahme entwickeln. Hier ist meiner Meinung nach sehr viel Feingefühl und das Hineinhorchen in mich selbst als Mutter gefragt. Ich prüfe mich regelmäßig selbst, ob ich wirklich damit einverstanden bin, dass meine Tochter Fleisch isst. Und ja, das bin ich.

Regulation und Ehrlichkeit beim Essen

Ich bin überzeugt davon, dass unsere Kinder kompetent sind und ein Gefühl für sich und ihren Körper haben. Dass sie wissen, wie viel Nahrung sie brauchen und dass sie ein Gespür dafür haben, wenn ihnen etwas fehlt. Dass sie merken, wenn sie bestimmte Speisen nicht vertragen und wenn es genug ist. Das setzt aber unbedingt voraus, dass ihnen ein breites Angebot zur Verfügung steht aus dem sie wählen können und dazu gehören für mich auch Fleisch und tierische Produkte.

Fragen zur Gewinnung und Produktion von Fleisch und zum Umgang mit den Tieren werde ich, wenn sie irgendwann aufkommen, kindgerecht und korrekt beantworten. Wir kaufen beispielsweise unser Obst und Gemüse regelmäßig auf einem Bauernhof nach Demeter-Standard regional und saisonal ein. Hier sind die Ställe auch für Besucher offen und begehbar.

Wie setze ich das im Alltag um? Vegetarisch, vegan und den Fleischkonsum?

Wie kann ich meiner Familie und vor allem meinem Kind gerecht werden und trotzdem bei mir selbst bleiben? Das ist für mich eine zentrale Frage. Es gibt so viele Möglichkeiten zumindest vegetarisch zu kochen und Fleisch als Beilage zu servieren, sodass am Familientisch alle zufrieden sind, jeder frei wählen kann und vor allem auch alle satt werden. Backen geht wunderbar auch mit Pflanzenmilch und Eiern von glücklichen Hühnern. Fleisch kann ich für meine Tochter aus artgerechter und vor allem regionaler Schlachtung kaufen. Denn nicht nur die Haltung der Tiere ist beim Fleischkonsum zu bedenken, sondern auch die ihnen zugemuteten Transportwege. ‚Bei mir selbst‘ und bei meiner Meinung bleiben bedeutet für mich nicht, dass ich anderen dadurch etwas verwehre.

Alles Liebe, Isabel!

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6 replies »

  1. Danke für den Beitrag! Ich handhabe es hier ganz ähnlich – eigentlich bereite ich kein Fleisch zu, aber das Löwenmädchen hat sich neulich deshalb beschwert und wollte Fleisch. Also habe ich ein Suppenhuhn gekauft und Frikassee gemacht – als sie das Huhn in der Küche sah, war sie zutiefst betroffen, weil sie – denke ich – selbst die Ähnlichkeit mit dem lebenden Huhn gesehen hat. Sie hat dann auch nichts davon probiert. Würstchen liebt sie allerdings und kann auch nicht recht verstehen, dass diese aus Schweinen gemacht werden…. Ich bin gespannt, wie es weitergeht und freue mich, bei Dir mehr darüber zu lesen!

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    • Huhu, danke für deinen Kommentar!
      Ich denke, dass es wichtig ist, die Kinder auch an der Zubereitung teilhaben zu lassen. Und sie danach selbst entscheiden zu lassen – alles andere ist für mich an der Realität vorbei. Dass Äpfel am Baum und Johannisbeeren am Strauch wachsen zeigen wir ihnen ja auch 😊

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  2. Ich kann deine Einstellung gut nachvollziehen, vor allem, da dein Mann Fleisch isst und es das quasi sowieso bei euch am Tisch gibt. Mein Mann und ich leben beide vegan, daher gibt es in unserem Haushalt auch nur vegane Lebensmittel. Daraus darf unser Kind selbstbestimmt auswählen.
    Für uns ist es allerdings wichtig, unserem Kind (fast 2 Jahre alt) nicht einfach Essen „vorzuenthalten“, sondern unsere Beweggründe zu erklären. Es weiß mit seinem Alter schon, dass manche Menschen Tiere essen oder deren Milch trinken. Auf die Frage an unser Kind, ob es auch mal ein Tier essen möchte, antwortete es „nein, nur streicheln“. 😊
    Wenn unser Kind später auswärts mal tierische Produkte probieren will, ist das kein Problem für uns, denn wie du schon schreibst, möchten auch wir nicht unsere Lebenseinstellung dem Kind überstülpen.

    Alles Liebe cao

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    • Hey Cao, ja, ich denke wenn ein Haushalt durch die Eltern vegan ist, dann ist die Richtung schon einschlägiger vorgegeben.
      Ich habe trotz meinen eigenen Essgewohnheiten und meiner eigenen Überzeugung bereits zur Beikosteinführung Fleisch und Fisch sowie Eier angeboten. Da es bei uns keinen Brei sondern kindgerechte Fingerfoodhäppchen gab, hat meine Tochter auch zu dieser Zeit schon Fleisch probiert. Und Geschmack daran gefunden. Das ist okay für mich, sie hat es sich so ausgesucht und das war mir auch wichtig. Es gar nicht anzubieten und erst später zu offerieren wäre für mich persönlich nicht infrage gekommen 😊

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