Elternsein

Kinder mit ausgeprägtem Willen sind ein Segen – Willensstarke Kinder

Erwachsene Menschen mit einem starken Willen werden als selbstsicher, entscheidungsfreudig und souverän wahrgenommen. Wer später mal genau weiß, was er will, ist klar im Vorteil. Wer sich nicht entscheiden kann, der gilt als Waschlappen. Erwachsene, denen diese Fähigkeit fehlt, bezahlen Coaches, Trainern und Psychologen viel Geld dafür, dass diese ihnen ihren eigenen Willen erklären.

“Mama, ich weiß schon selber was ich will!“

Ich bin jetzt schon mehrfach eindringlich vor dem starken Willen meiner Tochter gewarnt worden. Da scheinen ein paar Menschen mächtig Angst vor zu haben, wenn sie uns beide beobachten, besonders der Kinderarzt. Aber das ist ein anderes Thema. Dabei ist sie noch so klein. Warum ist das so? Sind die Kinder von heute nicht die Erwachsenen von morgen? Sollten wir da den Plan vom Leben nicht begleiten, fördern und unterstützen? Warum fürchten wir uns vor Kindern, die auf ihre Selbstbestimmung pochen und Autonomie altersentsprechend leben wollen?

Hilfe, mein Kind hat einen eigenen Willen!

Warum ist die Angst, dass Kinder mit einem ausgeprägten Willen etwas Gefährliches an sich haben, so stark verbreitet? Vielleicht weil das anstrengend und unbequem sein kann? Weil sie hinterfragen und keine Mitläufer sind? Weil sie autonom sind und nicht alles über sich ergehen lassen? Weil Mitbestimmung Zeit, Energie und Ressourcen kostet?

Wer hinterfragt, der denkt mit und nimmt nicht das als gegeben, was ihm serviert wird und ist somit weniger anfällig für Druck von außen. Eine Fähigkeit, die im Leben von großer Relevanz ist. Wer gegen den Strom schwimmt ist meist charakterstark und  beispielsweise resistenter gegen die immer häufiger auftretende und schon gesellschaftsfähige Depression. Das ist nur einer der zahlreichen positiven Aspekte.

Konflikte als Chancen

Sicher, wenn ich einen Ja-Sager vor mir habe, der immer mitzieht, mitmacht, keine Rückfragen stellt und keine Begründungen einfordert, dann geht alles schneller, geschmeidiger und oft nach meinem Willen. Also irgendwer hat da in der Interaktion schon einen Willen. Nur scheint der Wille von Erwachsenen nicht ganz so viel Gefährliches mit sich zu bringen und für uns normal zu sein.

Wer den Konflikt sucht und mit Leidenschaft für sich und sein Denken und Tun einsteht, entwickelt sich dadurch weiter. Konflikte sind nicht immer etwas Negatives, sondern jeder Konflikt bietet auch Chancen.

Diskussion und Austausch schenken Wachstum und Verbindung und sind somit sehr wertvoll. Sich mit etwas auseinander zu setzen ist nicht negativ, auch wenn es manchmal unbequem sein kann. Nur weil ich mit meinem Kind diskutiere, das Für und Wider abwäge, es in Entscheidungen altersgerecht mit einbeziehe und tatsächlich auch frage was es möchte, heißt das noch lange nicht, dass wir uns alle stets und immer danach richten können. Und das heißt auch nicht, dass ich immer alles dafür gebe, es einrichten zu können. Denn jeder in der Familie hat Wünsche und Bedürfnisse und bindungsorientiertes Familienleben zeichnet sich dadurch aus, dass auf alle Familienmitglieder – unabhängig vom Alter – Rücksicht genommen wird. Wir finden in der Regel eine Lösung, die für alle in Ordnung ist.
Kinder lernen Frust auszuhalten, zu argumentieren und dass das Leben weitergeht, auch wenn sie sich unterordnen mussten, weil die Erwachsenen andere Entscheidungen getroffen haben. Und auch das ist okay. Ziel sollte allerdings immer ein gemeinsamer Konsens und die Meinung von Kindern nicht weniger wichtig sein, nur weil sie noch klein sind.

Im Konflikt kommt die Wut

Schon kleine Kinder trainieren ihr späteres Konfliktpotenzial: Bei jedem Wutanfall in der Autonomiephase lernen Kinder ihre überwältigenden Gefühle kennen und mit ihnen umzugehen und diese später auch zu kontrollieren. Jeder durchgestandene Wutanfall unterstützt das Kind auf seinem Weg, eine eigene Persönlichkeit zu werden und dazu gehört eben auch einen eigenen Willen haben zu dürfen. Was oft als lästige Phase abgetan wird, gehört zur kindlichen Entwicklung dazu. Wütende Kinder werden oft als willensstark mit negativer Assoziation betitelt. Oder als unerzogen und den Eltern wird mangelnde Kompetenz bescheinigt, wenn sie das tobende Kind vor dem Supermarktregal nicht im Eiltempo wieder unter Kontrolle bringen. Das Gefühl wütend oder anderer Meinung zu sein findet keine Akzeptanz, obwohl es so wichtig ist.

Was passiert, wenn Kindern ihre Wut abgesprochen und Gefühle oder ihr Wille verboten wird?

Der Wille und ihre Gefühle werden unsichtbar, verstecken sich jedoch im Verborgenen um sich später, oft in brenzligen Situationen, wieder zu zeigen. Nur weil den Kindern erklärt wird, dass sie so wie sie sich gerade zeigen nicht gewünscht sind, heißt das nicht, dass das ‚Problem‘ damit gelöst ist. Hier wird das Machtgefälle, das zwischen Eltern und Kindern herrscht, deutlich. Über die Wichtigkeit von bedingungsloser Liebe habe ich an anderer Stelle schon mal etwas geschrieben.

Kinder geben zugunsten der Liebe und Zuwendung ihrer Eltern einen Teil ihrer Persönlichkeit auf. Sie verstecken ihn so gut es geht, wenn die Eltern oder andere wichtige Bezugspersonen das einfordern, daher ist es so wichtig mit Kindern achtsam zu kommunizieren

Warum können wir als Eltern den Willen der Kinder oder extreme Gefühle wie Wut so schlecht annehmen?

Was verbirgt sich dahinter? Das habe ich mich schon häufig gefragt und bin der Sache mal auf den Grund gegangen. Es sind bei mir vor allem die Momente, in denen meine Tochter wütend oder mit einem eigenen Willen vor mir steht. Ich fühle mich wenig wertgeschätzt und habe das Gefühl immer mehr und mehr geben zu müssen, damit sie überhaupt zufrieden sein kann. Mein inneres Kind fühlt sich angesprochen.

Als Kind wurden wir möglicherweise mit unserem Willen und unseren Gefühlen nicht so angenommen wie wir waren und haben diesen Teil unserer Persönlichkeit ins Unbewusste verdrängt. Weil Bezugspersonen uns gezeigt haben, dass wir so wie wir uns verhalten, nicht gewünscht sind. Meine Mutter berichtet mir noch heute stolz, dass sie uns Kinder gerne mal „stehen gelassen hat“, wenn wir „bockig“ wurden. Sie betont natürlich stets, dass sie immer geprüft hat, ob wir uns in Gefahr bringen könnten. Wenn nicht, dann war es für sie durchaus legitim, uns nicht in unserer Wut zu begleiten und zu trösten. Zeitversetzt erzählt sie mir jedoch gerne mal, dass wir (die Kinder) ja nie solche Wutanfälle gehabt hätten, wie es heute üblich sei. Das hätte es früher nicht gegeben. Achtung: Verdrängung. Ich halte ihr zugute, dass das vor 30 Jahren einfach noch andere Zeiten waren.

Stehen unsere eigenen Kinder dann plötzlich mit ihrem starken Willen und damit verbundenen Forderungen vor uns, dann werden wir unbewusst an Situationen aus der eigenen Kindheit erinnert, die uns ‚triggern‘ und das kann dazu führen, dass wir unseren Kindern ebenfalls ihren Willen verbieten wollen, weil wir diesen Zustand nur wenig bis gar nicht ertragen. Hier lohnt sich ein Blick hinter die (eigenen) Kulissen. Seit ich das weiß, reagiere ich in solchen Situationen ganz anders. Vor allem feinfühliger meiner Tochter gegenüber. Und gelassener. Es ist okay.

Meinen eigenen Willen zeigen, den Willen meines Kindes sehen

Und akzeptieren. Und vor allem: ich darf mich auch mal umentscheiden, im Volksmund: nachgeben. Das ist keine Schwäche (in der Erziehung), sondern eine Stärke. Ich als Mutter habe Strategien, mir eine Brücke zu bauen, und doch noch zu einer anderen Entscheidung zu kommen. Kinder finden von dem Weg, den sie einmal eingeschlagen haben, oft nicht mehr bis zur letzten Kreuzung zurück. Angebote unterbreiten, Möglichkeiten aufzeigen, das entschärft Situationen in denen das Kind vielleicht selbst nicht auf Alternativen kommt, aber einen Vorschlag dankend annimmt.

Und wenn nicht? Natürlich kann meine Tochter nicht immer bekommen was sie will, denn häufig ist das einfach nicht umsetzbar, was sie sich gerade vorstellt. Oft kann sie die Tragweite ihrer Entscheidung gar nicht abschätzen und ich stehe in der Verantwortung Entscheidungen zu treffen, die auch sie betreffen.

„Kinder tun nichts gegen uns, sondern sie tun etwas für sich!“

Wichtig ist jedoch, dass ich ihren Willen höre und sehe und das auch so bei ihr ankommt. Oft besteht Verhandlungsspielraum und Erklärungen entschärfen die Situation eher als ein „Das gibt es nicht, basta!“ oder „Weil ich das sage!“. Da erwarte ich von mir selbst mehr kommunikative Fähigkeiten.

Wenn ich mich für ein ‚Nein!‘ entscheide oder gegen ihren Willen handle und somit über ihre Grenzen hinweg gehe, dann stehe ich dahinter und übernehme die Verantwortung für mein Handeln. Es ist niemals mein Kind schuld, dem es ja frei stand, sich konform zu verhalten – oder nicht.

Fest steht jedoch, dass je mehr ich meinem Kind meinen Willen durch physische und psychische Überlegenheit überstülpe, eben weil ich es kann, desto mehr lernt mein Kind, dass Menschen mit mehr Macht gegenüber Menschen mit weniger Macht ihren Willen durch Überlegenheit durchsetzen können. Anstatt kommunikative Mittel zu nutzen, einen Konsens zu finden und gemeinsam zufrieden aus der Situation heraus zu gehen und daran zu wachsen.

Individualität statt Konformität

Anstatt Kindern ihren eigenen Willen auszutreiben, sie konform zu machen, ihnen ihre Individualität zu nehmen, sollten wir sie unterstützen. Wir sollten sie stark machen. Stark, für eine Gesellschaft, in der oft nur noch Konformität statt Individualität zählt!

Eigener Wille ist Antrieb, Antrieb für Weiterentwicklung.

Alles Liebe, Isabel!

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5 Kommentare zu „Kinder mit ausgeprägtem Willen sind ein Segen – Willensstarke Kinder

  1. Meine mittlere ist auch so ein Kind mit „starkem Willen“. Damit umzugehen musste ich erst lernen, ich kannte es von meiner Großen schlicht nicht. Sie war dahingehend viel einfacher zu handeln. Wenn etwas nicht ging, konnte ich es ihr erklären und es war okay. Bei der Kleinen funktioniert das nicht, schon wenn sie hört, dass es auf ein „Nein“ hinausläuft, klinkt sie aus, verliert sich in ihrer Wut. Anfangs fiel es mir wirklich schwer damit umzugehen, aber mittlerweile habe ich Strategien, um diese Situationen zu umgehen oder schnell zu entspannen, ohne dass einer sein „Gesicht verliert“.
    Ich hasse Situationen, die von Außenstehenden beurteilt werden und dann heißt es „Ohoh, das war aber inkonsequent. Erst Nein sagen und dann doch nachgeben.“ – Aber wie Du schreibst, wieso soll ich nicht nachgeben, wenn ihr Vorschlag oder ihr Grund oder Whatever einfach Sinn macht, wenn sie schlicht recht hat? So würde ich mit Erwachsenen Menschen ja auch nicht umgehen, wieso dann mit meinem Kind? Es fällt mir schwer den Leuten klar zu machen, dass sie Konsequenz mit Überlegenheit verwechseln, aber zum Glück ist das auch nicht meine Aufgabe. 😉
    Ich bin froh, dass das in meinem näheren Umfeld gut akzeptiert wird und was die Menschen im Supermarkt sagen, ist mir dann ehrlich gesagt ziemlich egal.
    Liebe Grüße,
    Tanja

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