Elternsein

Attached with parents – Nein, Erziehung ist nicht immer gemein

Wer stillt die meiste Milch? Wer trägt die weiteste Distanz? Und wer schläft (morgens) am längsten im Familienbett? Bei wem bekommen die Kinder das ungesündeste Essen und dürfen später als spät ins Bett? Wessen Kind ist das Beste im Sportverein? Und wer kennt die meisten Vokabeln der neuen Fremdsprache?

Im Moment wird viel gesprochen, geschrieben und diskutiert. Über den Begriff ‚Erziehung‘, seine Erscheinungsformen und ob du heute als Eltern überhaupt noch sagen darfst, dass du dein Kind erziehst. Manchmal weiß ich selber gar nicht, zu welcher Gruppe ich denn nun gehöre. Die Radikalen sind mir zu radikal, die Liberalen zu liberal.

‚AP’ (hier findest du einen meiner Lieblingsartikel zum Thema) darfst du nur noch als Prädikat für dich und deine Familie verwenden, wenn du mindestens 2 Jahre stillst oder dein Kind 23,5 Stunden des Tages auf dir wohnt. Sonst reicht das nicht. ‚Unerzogen‘ bist du nur, wenn du Süßigkeiten und Mediennutzung stets bemüht förderst. Vielleicht lese ich die vielen Beiträge, insbesondere in Facebook-Gruppen in denen ich eigentlich gerne verweile, auch etwas zu kritisch und vielleicht schreibe ich diesen Beitrag auch ein wenig überspitzt. Dieses Thema nimmt in meinen Gedanken derzeit viel Raum ein.

Wir tragen und wir schlafen im Familienbett, und wir stillen mit Fläschchen. Mit Attachment-Parenting wird es ab hier schon schwierig. Denn Stillen ist ein heikles Thema, wenn nicht sogar DAS Thema, dass das Kind auch von mühevoll abgepumpter Muttermilch profitieren kann wird gerne mal vernachlässigt. Wir kaufen weder Süßigkeiten noch besitzen wir einen TV, unerzogen können wir also erst recht nicht sein, da wäre mindestens ein Besuch im Elektronikfachhandel nötig.

Dabei gibt es weder den „wer-hat-die-meisten-Kilometer-geschafft“-Orden für Trageeltern, noch die „wer-kennt-die-meisten-Fernsehserien“-Medaille.

In Facebook-Gruppen wird sich gegenseitig mit Bildern á la „Wessen Kind ist am dreckigsten?“, „Welches Kind hat die wenigste Kleidung bei kalten Temperaturen an?“ oder „Wer hat das ungesündeste Frühstück zubereitet?“ übertroffen. Von bloßer Freude über Leichtigkeit und Harmonie im Familienalltag kann da häufig nicht mehr die Rede sein. Mich stresst das jedenfalls. Es kommt doch nicht darauf an, wer die meiste Milch stillt oder die längste Distanz zurücklegt. Und auch nicht darauf, wessen Kinder dem verwahrlosten Zustand am nächsten kommen oder ob sie ein eigenes Tablet besitzen. Es kommt auf das Gemeinsame an. Aber anstatt Gemeinsamkeiten zu finden werden die Unterschiede hervorgehoben, es wird sich abgegrenzt und abgeschottet. Mit Slogans wie

Erziehung ist Gewalt!

wird jegliches in-Beziehung-gehen, wie es immer so schön heißt, blockiert. Bei mir zumindest. Die Unterstellung, gewalttätig mit Kindern umzugehen, entfernt doch jede Gesprächsgrundlage.

Die Gemeinsamkeiten und die Verbindung verlieren sich in der Diskussion darüber, ob Erziehung nun gemein ist oder nicht und ob das vielleicht sogar Gewalt sein kann. Ob ich für oder gegen Erziehung argumentiere, das hängt vermutlich damit zusammen, welche Definition dieser Diskussion zugrunde liegt. Je mehr Fachliteratur ich dazu lese, desto mehr Definitionen erhalte ich. Übereinstimmend, gegensätzlich oder überschneidend. Und am Ende suche ich mir diejenige aus, die meinen Wertevorstellung, meiner Ethik und meiner Moral am nächsten kommt. Entscheide ich mich für die von K.RÄ.T.Z.Ä., dann komme ich tatsächlich nicht drum herum, Erziehung als gemein einzustufen. Gehe ich, und so tue ich es, davon aus, dass Erziehung Vorbild und Liebe ist, dann sehe ich darin weder eine Gemeinheit und schon gar keine Gewalt. Und mal nebenbei: wenn anstelle der Erziehung die Beziehung tritt, dann kann ich mich da auch dran aufhängen, dass in letzterer ebenfalls das Wort „ziehen“ steckt. Und schon beschränkt sich der Austausch auf Definitionen und Haarspalterei und wir kommen nicht auf einen Nenner. Dabei wäre es doch so schön, wenn sich eigentlich Gleichgesinnte auch als solche erkennen.

Andere Eltern als gemein oder gar gewaltvoll zu betiteln, weil sie von sich sagen, dass sie ihre Kinder erziehen, ohne zu wissen, dass dieser eine Satz die Gemüter zum kochen bringt, lässt uns nicht in einen Dialog kommen. Und wenn das Ganze dann nur noch darauf reduziert ist, ob ein TV im Haus verfügbar ist und die Schränke prall gefüllt mit Süßigkeiten sind, dann wird jeglicher Austausch schwierig – zumindest mit mir. Denn das sind sicher keine Prädikate für Elternschaft.

Warum sind wir eher immer mal lieber gegen etwas und heben die Differenzen hervor anstatt die Gemeinsamkeiten zu sehen? Und warum diskutieren wir so oft Begriffe, ohne vorher eine Definition auszuhandeln, damit auch jeder weiß wovon er spricht und was dann meine Aussagen beim Gesprächspartner bewirken?

Es scheint nur noch krasse Lager zu geben. Dogmatische Verfechter der eigenen Linie, ohne Toleranz und Akzeptanz. Was ich selbst nicht mache muss schlecht sein. Wäre es gut, dann würde ich es ja schließlich tun.

Kinder sind häufig auch Projekte und Trophäen, über die sich Eltern definieren. Hobbys sind nicht mehr reine Kinderbespaßung, Fußballplätze und Reiterhöfe werden zu Orten der Selbstverwirklichung der Eltern. Ausprobieren, stolpern, hinfallen, weinen, … sind nicht erwünscht. Begleitung bei eigenen Entscheidungen? Fehlanzeige. Drill? ausgeprägt vorhanden.

Auf der anderen Seite: Die Kinder, denen Entscheidungen übertragen werden, denen sie gar nicht gewachsen sind. Kinder sind kompetent, das beobachte ich jeden Tag bei meiner Tochter und davon bin ich überzeugt. Aber eben noch nicht in allen Lebenslagen, das lernen sie durch Vorbilder, also durch uns als Eltern. Nackige Kinder am Springbrunnen in der City, die Freiheit und die Unbeschwertheit werden hervor gehoben, an Missbrauchsprävention wird nicht gedacht. Es wird schon gut gehen. Rücksichtsloses Verhalten gegenüber anderen wird mit den unersättlichen Bedürfnissen der Kinder gerechtfertigt, die es zu befriedigen gilt. Zur Not auch zum Leid aller anderen, aber nur so lange es für die Eltern selbst nicht unbequem wird.

Wo sind nur all die Mütter und Väter, die einen Mittelweg wählen? Bindungsorientiertes Elternsein bei dem in der Familie alle Bedürfnisse zählen, auch die von Mama und Papa, und nicht nur Rücksicht auf den eigenen Dunstkreis, sondern auch auf Fremde genommen wird? Wo versteckt ihr euch?

Egal wie bemüht, begleitend, achtsam, gleichwürdig,… ich mit meinem Kind umgehe. Und egal wie sehr ich mich selbst als bindungsorientiert oder unerzogen bezeichne (oder auch nicht). Zwischen Eltern und Kindern herrscht immer ein Machtgefälle. Egal wie wir es drehen und wenden und wie bemüht wir auch sind. Es ist da. Die Beziehungskompetenz liegt darin, sich diesem Gefälle bewusst zu sein, und nicht blindlings davon auszugehen, dass wir das mit ein wenig Begriffsdefiniton und Haarspalterei beiseite schieben können. Und schon gar nicht mit einer Süßigkeitenschublade, einem Tablet mit eigenem Netflix-Zugang oder was auch immer.

Im Umkehrschluss heißt das für mich: ich nehme es an, so wie es ist. Ich habe immer die Macht, bin am Drücker, sitze am längeren Hebel, … Das Wichtigste ist, dass ich mir dieser Verantwortung bewusst bin und damit entsprechend umgehen kann.

Ich erkenne und sehe die Bedürfnisse meines Kindes, ich trage ihnen Rechnung und ich begleite es dabei, Strategien zu entwickeln, diese verständlich zu kommunizieren. Ich achte Grenzen, übernehme aber auch die Verantwortung für Entscheidungen, die ich meinem Kind nicht aufbürden darf, weil es die Tragweite und die Auswirkungen noch nicht kennt. Aber all das stets unter Wahrung der Integrität meiner Tochter und Beibehaltung meiner eigenen Glaubwürdigkeit.

Ich bin nicht unerzogen. Ich bin nicht „AP“. Ich bin einfach nur für mein Kind da, wenn es mich braucht. Liebevoll, verständnisvoll, achtsam. Wie das jetzt genau heißt, da bin ich mir derzeit auch unsicher. Unsicher bin ich auch, zu welchem Lager ich derzeit gehören möchte. Vielleicht bin ich auch von jedem etwas, aber nichts im Ganzen. Such dir einfach was aus.

Und ja, manchmal verwende ich auch das Wort ‚Erziehung‘. Und das würde ich gerne tun können ohne Angst zu haben, dass das jemand in den falschen Hals bekommen könnte und mich sofort als gewalttätig abstempelt. Unseren Kindern ist es sehr wahrscheinlich auch egal wie wir das nennen, was wir tagtäglich mit ihnen machen, wenn der Inhalt stimmt.

Ach übrigens… 🙂

Von Herzen Eltern sein, darauf kommt es an!

Alles Liebe, Isabel!

Verlinkt bei #Herzpost im November

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2 Kommentare zu „Attached with parents – Nein, Erziehung ist nicht immer gemein

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