Achtsamkeit · Elternsein

Sich selbst wertschätzen und Andere dabei nicht aus den Augen lassen – warum ich meine Tochter manchmal nicht mag und wie ich damit umgehe!

Nur wer sich selbst wertschätzt, der kann auch Andere wertschätzen. Habe ich für mich selbst keine Empathie übrig, dann kann ich auch Anderen gegenüber kaum ehrlich empathisch reagieren. Der Ursprung echter Wertschätzung liegt also in meiner persönlichen Haltung. Ich setze mich schon seit einiger Zeit mit Lob, Anerkennung und Wertschätzung auf kommunikativer Ebene auseinander. Gerade wieder im Job angekommen merke ich jetzt, seit dem ich mich mit dem achtsamen Umgang in unserer Familie intensiv beschäftige, dass das eigentlich gar nicht nur Familienthemen sind, sondern mir auch nach dem Wiedereinstieg in meinen Beruf arbeitstäglich begegnen.

Oft werden die Begriffe miteinander vermischt oder gar verwechselt, Lob oder unechte Wertschätzung wird als Führungsintrument oder zur Manipulation verwendet.Ich habe mich dabei ertappt, auch in der Vergangenheit davon nicht frei gewesen zu sein, weder im Job noch im Umgang mit meiner Tochter und mit meinem Partner. Das möchte ich ändern.

Wertschätzung ist nicht gleich Lob und Anerkennung

Oft werden hier Begriffe durcheinander gewürfelt, sie klingen ja auch zu ähnlich. Lob (und Strafen) sowie Anerkennung ,funktionieren‘ kurzweilig und ermöglichen es meist in diesem Moment, unser Gegenüber ein Stück weit zu steuern. Denn langfristig weicht mit dem stetigen Lob die intrinsische der extrinsischen Motivation. Das Gefühl der echten Selbstwirksamkeit geht verloren, wenn Wertschätzung fehlt. Wir verzichten im Umgang mit Mini auf Lob und Bestrafung, das ist für mich nicht vereinbar mit einer bedingungslosen Wertschätzung meiner Tochter. Denn dieser und auch unserer Liebe soll und darf sie sich immer sicher sein, dafür reicht ihr bloßes Dasein.

Genau so handhabe ich es auch im Umgang mit erwachsenen Menschen. Ich lobe andere nicht und merke auch immer mehr, wie es mich triggert, wenn ich selbst gelobt werde. Ich werde umgehend hellhörig ob der Lobende mich mit seinen Worten steuern und in eine bestimmte Richtung lenken möchte. Wer nicht lobt, der geht nicht gut mit anderen Menschen um und bringt ihnen keine Wertschätzung entgegen. Das war lange Zeit in meinem Kopf verankert, allerdings ist dieser Schluss zu einfach gedacht. Es ist alles ein wenig komplizierter.Ganz ausführlich habe ich mich mit dieser Thematik in meinem Blogartikel Sticker, Smileys und Geschenke – und warum Lob trotzdem Manipulation ist auseinandergesetzt.

Sich seiner Selbst Wert bewusst sein

Ausgangspunkt für die Kompetenz andere wertzuschätzen und die Fähigkeit Anderen um uns herum ehrlich wertschätzend zu begegnen ist die eigene Selbstwertschätzung. Je geringer mein eigener Selbstwert und die Empathie für mich selbst ist, umso größer ist mein eigenes Bedürfnis dies mit Anerkennung, Lob und Aufmerksamkeit zu kompensieren. Die Bereitschaft anderen Wertschätzung zukommen zu lassen sinkt, je mehr ich mit der Aufwertung von mir selbst beschäftigt bin. Fühle ich mich abgewertet, dann kreisen meine Gedanken meist lange um die Situation oder das Gespräch, in dem ich fehlende Wertschätzung erfahren habe. Ein Blick um mich herum ist dann gedanklich kaum möglich.

Im Alltag mit meiner Tochter begegnen mir immer wieder solche Situationen. Wenn ich von morgens bis nachmittags bereits alles getan habe, um ihr einen tollen Tag zu bereiten mit Spielen, Basteln, Toben und allem was dazu gehört. Und dann möchte sie noch nach draußen. In Ordnung, ich habe auch Lust auf frische Luft und wir könnten noch ein paar Sonnenstrahlen und eine frische Brise ergattern. Und plötzlich weigert sie sich ihre Klamotten anzuziehen, wird aber gleichzeitig wütend, weil es nicht weiter geht und die Haustür noch geschlossen ist. Ich merke, wie ich innerlich immer wütender werde und in mir Gedanken aufkommen, die ich eigentlich nicht denken mag. Warum kann sie sich nicht einmal ohne Theater anziehen? So wie andere Kinder? Warum sitzen wir wieder Minuten oder gar eine Stunde im Flur und haben immer noch keine Jacke und keine Schuhe an? Wieso kann sie nicht einmal kooperieren, obwohl wir den ganzen Tag nach ihr ausgerichtet haben und ich durchweg auf sie eingegangen bin? Warum erkennt sie nicht, was ich tagaus und tagein alles für sie mache?

Ich erwarte eine Gegenleistung von meinem Kind, dafür, dass ich ihre Mutter bin und das tue, was selbstverständlich für mich sein sollte. Nämlich sie zu begleiten. Mir fehlt gerade Wertschätzung für das, was ich von Herzen und aus tiefer innerer Überzeugung heraus tue. Und das befeuert meine negativen Gedanken in dieser Situation.

Und dann wird mir schnell klar, dass meine Tochter gar nichts dafür kann. Sie ist zwar der Auslöser für meine Gedanken, die Verantwortung dafür liegt allerdings bei mir. Es ist nicht ihre Aufgabe mein Bedürfnis nach Wertschätzung zu erfüllen. Ich schaue genauer hin.

Mögen und wertschätzen

Mir fällt es häufig leichter, Menschen wertschätzend zu behandeln, wenn ich sie mag. Genauer: wenn sie sich so verhalten, wie ich es mag. Ob ich tatsächlich wertschätzend mit ihnen umgehen kann, zeigt sich in den Momenten, in denen ich jemand Anderen gerade nicht ‚mag‘.

Und da kommt wieder die Situation in der Garderobe ins Spiel. Eigentlich wollen wir beide das gleiche, und zwar nach draußen. Trotzdem artet das Unterfangen in einen riesen Konflikt aus, weil meine Tochter sich gerade nicht so verhält wie ich es mögen würde. Vielleicht mag ich sie in diesem Moment auch nicht. Am liebsten wäre es mir, so verraten es mir meine Gedanken, wenn sie sich jetzt einfach ihre Jacke und ihre Schuhe anziehen lassen würde oder wir das gemeinsam tun und dann endlich nach draußen können. Ohne Umwege und Katastrophen. Wie normale Menschen.

Und daher frage ich mich auch regelmäßig: Mag ich mich selbst, so wie ich gerade bin? Jetzt im Moment? Wenn nein, was kann ich tun, damit sich das ändert? Wenn ja, dann habe ich auch genügend Ressourcen nach Anderen zu schauen.

Jetzt gerade mag ich mich definitiv nicht, wenn ich den Gedanken hege, dass wir drinnen bleiben, wenn es jetzt nicht voran geht. Und dass Mini sich die Sonne und den Wind dann durch die Terrassentür anschauen kann. Das war’s dann aber auch für heute.

Das fühlt sich gemein an. Gemeine Gedanken, die ich gerne schnell vertreiben möchte. Zeit, ein paar Sekunden auf mich zu schauen und in mich hinein zu horchen und den Vulkan, der gerade ausbrechen will, zu besänftigen.

Wertschätzung als Mittel der Manipulation

Wertschätzung sollte genau wie die Liebe der Eltern bedingungslos in der Grundhaltung  gegenüber unseren Kindern verankert sein. Das ist der Anspruch an mich selbst, für meine Familie.

„Wenn du jetzt nicht aufhörst, dann habe ich dich nicht mehr lieb!“

Wird Wertschätzung manipulativ entzogen, weil meinen Wünschen, Bitten und Forderungen nicht nachgekommen wird oder ein von mir nicht gewünschtes Verhalten gezeigt wird, dann spiele ich meine mütterliche Macht aus, was ich eigentlich gar nicht möchte. Ich möchte gewaltfrei mit meiner Tochter und in meiner Familien leben und habe es mir zur Aufgabe gemacht, dieser Verbindung immer und immer wieder ein Stückchen näher zu kommen.

Wir gehen ohne Jacke raus. Ohne Jacke an Mini dran. Dabei habe ich sie trotzdem. Für den Fall der Fälle.

Denn Kinder imitieren unser Verhalten und den Umgang mit anderen Menschen lernen sie durch uns als Vorbilder, allem voran, wie wir uns gegenüber ihnen verhalten. Beeinflussen wir unsere Kinder durch Lob, Strafen oder durch eine an Bedingungen geknüpfte Wertschätzung und Liebe, dann werden sie früher oder später versuchen, auch andere Menschen auf diese Weise zu beeinflussen.

„Wenn du mir nicht das Sandförmchen gibts, dann bist du nicht mehr meine Freundin!“

Auch uns als ihre Eltern. Ein Zustand und eine Beziehungsgestaltung, die nicht erstrebenswert ist. Mit mangelnder Wertschätzung eine Verhaltensänderung herbeiführen zu wollen ist gewaltvoll und das Ausspielen von Macht, dem sich unsere von uns abhängigen Kinder nicht entziehen können.

Es kommt drauf an, wie es beim Anderen ankommt, und nicht wie ich es meine! Ebenso wie Lob und anerkennende Worte alleine nicht reichen um in einer gesunden Beziehung zu leben, wenn echte Wertschätzung fehlt!

Stärkung des eigenen Selbstwertes

Ich setze mich mit mir selbst auseinander.

  • Was sind meine Selbstwertquellen?
  • Wie sehe ich mich?
  • Wo stehe ich gerade?
  • Was ist dabei lebendig in mir?
  • Was ist mir in letzter Zeit gut gelungen?
  • Was ist uns heute schon zusammen gut gelungen?
  • Woran kann ich mich erfreuen?
  • Woraus ziehe ich mein Selbstvertrauen?
  • Was belebt mich?
  • Was bewegt mich gerade?

In Kritiksituationen fällt mir das oft schwer. Ich fühle mich angegriffen und beginne mein Selbstbild zu verteidigen und reagiere mit einem Gegenangriff oder Schuldzuweisungen.

Na dann bleiben wir eben drinnen, wenn sie es nicht anders will. Selbst schuld, wenn sie sich nicht Jacke und Schuhe anzieht.

Hier kommt auch gerne mal der Wolf anstatt die Giraffe in mir zum Vorschein. Das bedeutet für mich: raus aus der Opferrolle und Verantwortung zu übernehmen. Denn nochmal: Mein Gegenüber kann zwar der Auslöser sein, ist aber nicht dafür verantwortlich, wie ich mich fühle. Das liegt bei mir selbst. Je mehr ich mir darüber im Klaren bin, desto kompetenter bin ich, Beziehungen zu führen.

Eigentlich ist es total okay, dass meine Tochter selbst entscheidet, ob es ihr ohne Jacke zu kalt ist oder nicht. Vielleicht können wir auch einen Kompromiss finden. Schuhe zieht sie eigentlich gerne an. Die Jacke nehmen wir einfach so mit.

Strategien für mich selbst

Ich habe mit der Zeit einige Strategien gefunden, die mir helfen, meinen Selbstwert vor mir selbst zu steigern. Ich lenke meine Aufmerksamkeit bewusst auf positive Dinge. Was sind die schönen Momente, die ich gerade erlebe?

Meine Tochter ist gerade bestimmend, sie übt Selbstbestimmung und lernt ihre eigene Autonomie kennen. Das ist super! Sie weiß was sie will. Nach draußen und das ohne Jacke. Diese Erkenntnis bringt mich ein Stück weiter. Was hindert mich daran, ihre Jacke einfach einzustecken und sie ihr anzubieten, falls sie später friert? Glaubenssätze mal wieder. Was sonst.

Sind meine eigenen Erwartungshaltungen vernünftig gesteckt? Was tut mir gerade gut und wie kann ich mehr davon für mich tun?

Positive Grundhaltung zu mir selbst und zu allen Anderen

Jeder Mensch bekommt von mir zuerst mal ein Ja. Punkt. Auch ich selbst. Ich verurteile weder mich selbst noch andere dafür, wie wir sind. Ich bin okay, so wie ich bin. Du bist okay, so wie du bist.

Dadurch wird ein Zustand gegenseitiger Wertschätzung im Gleichgewicht erreicht. Unsere gegenseitige Fähigkeit zur Kooperation miteinander ist dann maximal. In Interaktion mit meiner Tochter bin ich allein für das Gleichgewicht verantwortlich. Auch in stressigen Situationen versuche ich mir das vor Augen zu führen, vor allem dann, wenn mir Wertschätzung fehlt. Manchmal bin ich dann geneigt, meinen eigenen Speicher dadurch auffüllen zu wollen, mir selbst eine ‚schwächere‘ Person zu suchen, der ich mich in diesem Moment überlegen fühle und diese mit meinem eigenen Verhalten abzuwerten. Auch das ist nicht gewaltfrei.

Interesse für Andere

Was braucht mein Gegenüber? Was benötigen die Anderen um sich wohler zu fühlen? Was würde sie erfreuen? Ebenfalls ist mir wichtig zu erfahren, ob mein Interesse, meine Wertschätzung beim Anderen ankommt.

Meine Tochter braucht das Gefühl, selbst entscheiden zu dürfen. Es geht ihr im Kern um Selbstwirksamkeit und nebenbei doch nur um eine Jacke. Die Verantwortung für sich selbst und ihren eigenen Körper kann sie schon übernehmen. Auch wenn es um das Fühlen von Kälte geht. Natürlich mit der Option, sich später noch um zu entscheiden und wenn wir draußen sind doch die Jacke anzuziehen, wenn ihr zu kalt ist. Außerdem haben wir es auch gar nicht eilig, sie hat es nicht eilig, sobald die Jacke aus dem Spiel ist, haben wir beide auf einmal Zeit. Zeit in Ruhe die Schuhe anzuziehen und nach draußen zu gehen.

Sich Zeit nehmen für Andere, denn Zeit ist eins der höchsten Güter, die wir verschenken können. Sich Zeit zu nehmen und dem anderen Zeit zu geben. So festigen sich Beziehungen.

Alles Liebe, Isabel!

B7C2A3C1-0901-4D91-A948-D868846EE324

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s