Achtsamkeit · Elternsein

Wenn Bitten nicht abgelehnt werden dürfen und Fragen keine Fragen sind – achtsame Kommunikation in der Familie

„Macht es dir etwas aus, das Wasser bitte nicht aus dem Spülbecken zu schütten?“

Eltern möchten es richtig machen. So wie ‚man‚ es heute macht: die Kinder mit einbeziehen, ernst nehmen und gleichwürdig behandeln. Es hagelt Fragen und Bitten, der ganze Tag besteht aus nichts anderem. Dabei habe ich mich auch schon das ein oder andere Mal ertappt, wenn ich mich mal wieder nicht traue, eine Entscheidung zu treffen, obwohl es eigentlich angebracht wäre.

So lange wir im Zeitplan sind bitte und frage ich gerne. Wird es stressig, dann fange ich schon mal an zu drängeln. Und das ist unfair. Meine Bitten sind dann eigentlich Aufforderungen und meine Fragen pro Forma. Denn ich muss mein Kind ja einbeziehen. Der achtsame Umgang geht mir flöten und das ziemlich oft. Zeit, einmal genauer hinzuschauen.

Bitten und Aufforderungen

Ein klarer Unterschied. Bitten dürfen bei uns abgelehnt werden. Wenn ich meine Tochter darum bitte jetzt nicht mehr das Wasser aus der Spüle mit ihren Bechern auf den Boden zu schütten, dann kann sie sich dafür entscheiden, es trotzdem weiter zutun. Wenn ich das nicht will, dann sage ich ihr das auch genau so.

„Ich möchte nicht, dass du mit deinen Bechern die Küche unter Wasser setzt. Ich muss das später trocken wischen und das möchte ich nicht!“

Die Erklärung für meine Aufforderung liefere ich gleich mit dazu. Mir ist wichtig, dass Mini versteht, warum ich Dinge nicht möchte. Transparenz ist auch im gemeinsamen Miteinander sehr wichtig und führt zu Verständnis.

Der Unterschied zwischen Bitten und Forderungen ist die Haltung. Meine Haltung.

Bitten dürfen abgelehnt werden, das setzt beim Bittenden allerdings voraus, dass er offen ist, auch für Ablehnung. Wenn ich möchte, dass sich mein Gegenüber meiner Vorstellung anschließt, dann wird die formulierte Bitte zur Forderung. Forderungen sind nichts Verkehrtes und manchmal unumgänglich. Trotzdem sollten sie nicht die Bitten aus unserem Alltag verdrängen.

Fragen und Aussagen

Wenn ich meinem Kind eine Frage stelle, dann bin ich mir vorher darüber bewusst, dass die Antwort möglicherweise nicht in meinem Sinne ist oder mit meinem Vorhaben übereinstimmt. Denn

„Sollen wir nach Hause gehen?“

kann auch mit „Neiiiiiiin!“ beantwortet werden. Wenn ich diesem Nein nicht folgen kann, dann frage ich gar nicht erst. Kinder erkennen die Tragweite solcher Entscheidungen noch nicht, je jünger das Kind ist, desto mehr stehen die eigenen Bedürfnisse und Wünsche im Vordergrund.

Wenn wir wirklich gehen müssen, dann stelle ich das fest und informiere meine Tochter. Sie kann nicht wissen, dass ich meine Arbeitsstelle verliere, wenn wir jetzt nicht vom Spielplatz nach Hause gehen, weil ich im Homeoffice noch etwas zutun habe und mein Chef erwartet, dass ich fertig werde.

Das ein oder andere Mal überrascht sie mich allerdings, da habe ich ihr Dinge gar nicht zugetraut und sie versteht trotzdem ganz genau, worum es geht. Daraus lerne ich. Was ich jedoch vermeiden möchte: Überforderung. Denn daraus kann eine Resignation resultieren und Kinder geben irgendwann einfach irgendwelche Antworten. Nur um geantwortet zu haben, aber vielleicht gar nicht verstanden zu haben worum es eigentlich geht. So ist keine Selbstwirksamkeit möglich.

„Wir gehen gleich nach Hause!“

Bewusst gehen wir nicht jetzt, direkt, sofort, sondern gleich. Kinder brauchen Zeit sich auf die nächste Situation einzustellen. Auch wenn ich entscheide, was als nächstes geschieht, bereite ich meine Tochter darauf vor. Dafür plane ich Zeit ein und erinnere sie ein paar Mal, während ich unsere Sachen zusammen suche, selbst schon mal meine Jacke anziehe und ihre Sachen vorbereite. Dabei beachte ich auch immer, dass Mini ihre Sachen noch fertig machen kann. Ich selbst möchte die Seite im Buch ja auch noch zu Ende lesen, meine Bastelecke aufräumen oder sonst noch etwas erledigen, was mir im Kopf umher schwirrt. So trage ich auch ihrem Vorhaben genügend Rechnung.

Kinder lernen so, dass es verschiedene Bedürfnisse gibt, und dass es manche Situationen gibt, in denen wir uns danach richten müssen. Beispielsweise nach meinem Chef, der Pünktlichkeit und geleistete Arbeit verlangt. Das ist dann eben so.

Optionen bereithalten, Wahlmöglichkeiten eröffnen

Ich lasse meine Tochter altersgerecht die Dinge entscheiden, die sie überblicken kann. Auch gebe ich ihr gerne Auswahlmöglichkeiten vor, allerdings nur, wenn alle Optionen machbar sind:

„Möchtest du im Buggy sitzen oder zu Fuß laufen?“

Wenn ich mir nicht sicher bin, ob sie anschließend mit ihrer Wahl zufrieden ist, halte ich trotzdem eine Alternative bereit. Hat sie sich erst gegen die Mütze entschieden, dann nehme ich sie trotzdem mit, wenn es draußen windig ist. Sie hat die Möglichkeit selbst zu fühlen, ob es ihr nicht doch zu kalt wird und kann sich auch noch später dazu entscheiden die Mütze anzuziehen. Oder eben nicht. Die Frage ob sie selber laufen möchte oder nicht stelle ich nur, wenn wir wirklich genügend Zeit dafür haben und plane diese auch ein.

Nur echte Wahlfreiheit zählt

Mir ging es im Job schon oft ähnlich. Da wird den Mitarbeitern Mitspracherecht vorgegaukelt und Partizipartion am Entscheidungsprozess, dabei ist das Ziel im Hintergrund bereits gesteckt. Auch der Weg dorthin ist eigentlich klar. Aber es sieht natürlich besser für alle aus, wenn es zumindest den Anschein erweckt, dass die Befehlsempfänger da selbst drauf gekommen sind. Führungslehre, erstes Semester.

Kinder sind aber nicht unsere Mitarbeiter. Sie sind unsere Partner. Wir sind ein Team. Und so wollen sie auch behandelt werden. Gleichwürdig. Ernstgenommen. Und mit Respekt.

Viele Dinge entscheide ich, weil Mini das nicht überblicken kann. Aber dann verzichte ich darauf ihr eine Pseudowahlfreiheit zu lassen um dann doch einen anderen Weg einzuschlagen und sie mitzuschleifen, obwohl sie gedanklich bereits in die andere Richtung abgebogen ist.

Mir ist wichtig, dass meine Tochter ihre Wünsche, Bedürfnisse und Gefühle kennt, wahrnimmt und kommuniziert. Kinder sind kompetent, sie können das. Sie wissen meist besser als Erwachsene, was sie brauchen. Wenn Mini allerdings merkt, dass all das keinen Platz in der Familie hat, verkümmern diese Fähigkeiten.

Kinder können zwar nicht die Entscheidungen für die ganze Familie treffen, aber meine Tochter bringt sich ein und Dinge, die sie selbst und vor allem ihren Körper betreffen, entscheidet sie weitestgehend alleine in einem für sie geeigneten Rahmen.

Alles Liebe, Isabel!

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4 Kommentare zu „Wenn Bitten nicht abgelehnt werden dürfen und Fragen keine Fragen sind – achtsame Kommunikation in der Familie

  1. Hallo Isabell,

    ein wunderbarer, wahrer Text.

    Ich ertappe mich oft dabei, eine Aufforderung in eine Bitte zu kleiden. Oft merke ich es erst, wenn die Kinder dankend ablehnen. Da stehe ich dann und mir wird bewusst, dass ich an der Stelle falsch formuliert hatte und muss mich korrigieren.
    Es ist und bleibt ein ständiger Lernprozess.

    Viele Grüße
    Mama Maus

    Gefällt 3 Personen

    1. Vielen Dank für deinen Kommentar!
      Du hast so recht: ich lerne jeden Tag, den ich intensiv mit meiner Tochter verbringe, dazu!
      Fühl dich zurück gegrüßt!

      Gefällt mir

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