Elternsein

Stillen geht auch mit Fläschchen, auch das ist Liebe – ein Text für mehr Toleranz

Der Mutter mit der Brust wird zum Stillen ein Glas Wasser angeboten. Mir nicht.

Wir sind in einem Shop für Tragetücher, Tragehilfen und nachhaltigen Babybedarf. Hier gibt es Reborder und Babyschalen nach höchstem Standard, Milchpumpen und Zubehör. Öko-Lederpuschen und eine Stillecke. Super, denke ich mir. Genau nach meinem Geschmack. Hier fühle ich mich wohl und willkommen.

Es liegen Flyer aus. Einladungen zum Stillcafé für stillende Mütter, es findet regelmäßig hier im Ladenlokal in geborgener Atmosphäre statt. Ich interessiere mich dafür, denn Vernetzung scheint mir schon damals, so kurz nach der Geburt, wichtig.

Ich lese genauer: für stillende Mütter steht da. Super, denke ich mir. Das könnte etwas für uns sein.

Ich stille meine Tochter. Mit ihrer Milchflasche. Dafür sitze ich genau so bequem in einem Sessel, wie die Mutter, die ihr Baby mit der Brust stillt. Ich ziehe meinen Pullover ein Stück hoch, sodass meine Tochter Hautkontakt hat während sie ihren Hunger und ihr Bedürfnis nach Nähe und Geborgenheit mit der Milch aus ihrer Flasche stillt, genau wie die Mutter, die ihr Kind mit der Brust stillt. Ich halte meine Tochter im Arm, sie hat es sich gemütlich gemacht, während sie aus ihrer Flasche stillt. Genau wie das Kind, dass an der Brust seiner Mutter trinkt.

Wir sitzen nah bei einander. Jede von uns hat nur Augen für ihr eigenes Baby. Ich fühle mich mit ihr verbunden. Wir schaffen es beide einen Moment inne zu halten und den Anblick unserer Babys zu genießen, die Umgebung auszublenden und uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Die Verbindung und Beziehung zwischen uns und unseren Kindern zu stärken.

Die Stille wird unterbrochen.

Und in diesem Moment merke ich, dass ich in dem Netzwerk, dem ich eigentlich angehören möchte, weil wir bindungsorientierte Eltern sein möchten und die Bedürfnisse unserer Tochter im Mittelpunkt stehen, nicht akzeptiert werde.

Der Mutter mit der Brust wird zum Stillen ein Glas Wasser angeboten. Mir nicht.

Das ist nur eine von vielen Situationen, in denen ich mich wie eine Mutter zweiter Klasse gefühlt habe. Warum? Nicht nur diese fehlende Geste der Verkäuferin hat mich unendlich traurig gemacht. Auch beworbene Produkte und Angebote bringen mich oft zum grübeln und nachdenken. Sie sind stets für stillende Mütter gemacht. Stilltee, Stillkissen, Still-BHs. Stilltreffen und Stillcafés.

Allerdings nur für die ‚echten’ Still-Mütter mit ihren echten Stillkindern. Nicht für die Pseudos, die die abgepumpte Milch aufwärmen, die sie vorher mühevoll gewonnen, aufbewahrt und genauestens beschriftet eingefroren haben oder gar die Flasche mit Pulver anrühren.

Ich war mir schon gar nicht mehr sicher, ob ich diesen Tee überhaupt kaufen oder ein Stillkissen besitzen darf. Zum Stilltreff im Stillcafé habe ich mich nicht mehr getraut.

Für mehr Toleranz.

Alles Liebe, Isabel!

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