Elternsein

„Ohne Fremdbetreuung wird dein Kind mal asozial!“

Prima. Danke. Der hat gesessen.

In Minis kurzem Leben bin ich in so kurzer Zeit noch nie so häufig damit konfrontiert gewesen, darlegen zu müssen, warum wir uns gegen eine Krippe oder Kita und für die Betreuung zu Hause entschieden haben, als in meiner ersten Arbeitswoche, die ich vor einiger Zeit hinter mich gebracht habe.

Brauchen Kinder fremde Menschen für eine gute Entwicklung?

Empörung und Unverständnis sind groß. Die Meinungen gehen da auch nicht auseinander, sondern man ist sich einig: Kinder brauchen Fremde, um sich zu entwickeln. Und das beinhaltet selbstverständlich auch, dass sie sich möglichst früh und möglichst lange und dazu noch möglichst weit entfernt von den Eltern aufhalten.

Das ist quasi der Garant dafür, dass die Kinder von heute Erwachsene werden, die erfolgreich, mit guten Manieren gesegnet und mit einem ansprechenden Charakter ausgestattet sind. Selbstständigkeit kann zu Hause so gut wie gar nicht erworben werden.
Nur im Kindergarten können Sie lernen sich unterzuordnen, sich zu fügen und darauf zu hören, was andere sagen.

Individualität statt Konformität

Ja wenn das der Maßstab ist, dann bitte. Dann mag die Argumentation auch schlüssig sein. Ich möchte allerdings kein Kind haben, dass sich durchweg nach Obrigkeiten richtet, keine eigene Meinung hat, gehorsam ist und das seine Wünsche und Bedürfnisse nicht mehr kennt, weil Konformität höher wiegt als Individualität. Das scheint allerdings die Erwartung vieler Menschen zu sein. Dass nur ein ruhiges, angepasstes und ‚liebes‘ Kind ein ‚gutes‘ Kind sein kann.

Ob diese Sichtweise überhaupt mit den Betreuungskonzepten oder den Beweggründen von Eltern, ihr Kind außer Haus betreuen zu lassen, übereinstimmt wage ich mal stark zu bezweifeln.

Job und Kind, wie geht eigentlich die Mama-Karriere?

Meine erste Arbeitswoche ist um und ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich von meinen Kollegen gefragt wurde, warum Mini noch nicht in den Kindergarten geht und wenn ich dann antworte, dass sie auch die nächsten Jahre keinen Kindergarten von innen sehen wird, ist das Entsetzen groß. Wirklich groß.

Meist von denen, die ihre Kinder ihren Erzählungen nach schweren Herzens schon sehr früh, mit einem Jahr oder jünger in den Kindergarten oder zur Tagesmutter geben mussten, weil sie keine Alternative hatten.
Wollen sie, dass jeder das nun fortan so machen muss, obwohl er es nicht will? Ich weiß es nicht.
In den Köpfen scheint tief verankert zu sein, dass zu Hause betreute Kinder niemals andere Menschen sehen. Dass die Rollläden geschlossen sind und einen Garten, Balkon oder Spielplatzbesuche scheint es da in diesen abstrusen Vorstellungen auch nicht zu geben. Treffen mit anderen Kindern schon überhaupt nicht.

Ein Kind selbst zu betreuen bedeutet Verantwortung

Betreue ich mein Kind zu Hause, bin ich in der Pflicht. Ich habe die Verantwortung. Ich muss mich vernetzen, Kontakte knüpfen und offen und aufgeschlossen sein. Das ist für mich selbstverständlich und dessen bin ich mir absolut bewusst!

Unser Zuhause bereiten wir stets altersgerecht vor. Inspiriert durch Maria Montessori. Ich entdecke bei ihr so viel, womit ich mich identifizieren kann und was ich meiner Tochter nicht vorenthalten möchte. Wir haben liebe Freunde und Bekannte mit Kindern unterschiedlichen Alters. Wir treffen uns in Gruppen oder nur als Pärchen. Unterwegs kommen wir ins Gespräch mit Fremden und lernen einander kennen. Manchmal stimmt die Chemie, manchmal auch nicht.

Kindergarten, Kita, Krippe, Hort

Woher kommt der Gedanke, dass Kinder in Betreuungseinrichtungen etwas bekommen, was ihnen zu Hause verwehrt bleibt? Manchmal sind sie da tatsächlich besser aufgehoben, die Fälle mag es geben, aber eigentlich gehören Kinder zu ihren Eltern. Vor allem in den ersten so wichtigen Lebensmonaten und -jahren.
Spätestens jetzt taucht das Argument auf, dass der Kindergarten die Kinder auf die Schule vorbereitet. Aber wie genau frage ich mich? Durch Training? Durch Simulation? Schule beginnt im Alter von sechs oder sieben Jahren. Und nicht mit acht Monaten, einem Jahr oder mit Drei. Anstatt sich starr daran aufzuhalten, dass Kinder durch Regeln und Strukturen in Betreeungseinrichtungen auf das spätere Leben vorbereitet werden müssen, sehe ich meiner kleine Tochter lieber dabei zu, wie sie sich altersgerecht und ihrem Tempo entsprechend in unseren Alltag einfügt und diesen mitgestaltet, indem wir alle aufeinander Rücksicht nehmen.
Hartnäckig wird behauptet, dass Kinder andere Kinder zum spielen brauchen. Fest steht jedoch, dass Kinder bis zu einem gewissen Alter, meist bis zu 3 Jahren oder auch noch länger, gar nicht miteinander, sondern nebeneinander spielen. Kontakt zu Gleichaltrigen oder zu gemischten Gruppen ist wichtig, keine Frage, dafür braucht es jedoch keinen Kindergarten.
Kinder, die in Kindergärten hauen, treten und beißen, oder ihren Unmut aufgrund mangelnder kommunikativer Fähigkeiten, die ihnen völlig altersgerecht noch fehlen, auf eine andere, von der Gesellschaft selbst bei kleinen Kindern nicht akzeptierten Art und Weise kundtun, wird bescheinigt, dass diese besonders gut im Kindergarten aufgehoben sind. Wird ihren unangebrachten Verhaltensweisen ja zu Hause scheinbar nicht genügend Rechnung getragen. Dass diese Aggression ein Ausdruck von Stress und Überforderung sein kann, wird nicht berücksichtig.
Ich belasse es mal bei diesen beispielhaften Argumenten, die für mich alle nicht schlüssig sind.

Bedürfnisse wahrnehmen und kommunizieren

Für mich ist wichtig, dass mein Kind eine gefestigte Persönlichkeit entwickelt, seine Bedürfnisse kennt und diese klar kommunizieren kann, Empathie geben und Rücksicht nehmen kann und sich im Leben und somit auch in größeren Gruppen zurecht findet. Grundstein dafür ist eine sichere Bindung zu den Hauptbezugspersonen, bei uns sind das ich und ihr Papa. Fehlt altersentsprechend noch die Kommunikationsfähigkeit, dann wird es kompliziert. Zumindest für das Kind.

Kleines Augenzwinkern: Die Sache mit den Schimpfwörtern

Ich möchte selbst entscheiden, welche Schimpfwörter meine Tochter benutzt, dass sie ihr Essen nicht aufessen muss und trotzdem Nachtisch bekommt. Dass sie sich nicht entschuldigen oder bedanken muss, wenn ihr Gehirn kognitiv noch gar nicht dazu in der Lage ist, Empathie und Dankbarkeit zu empfinden. Von Mittagsschlafzwang, nicht aufstehen dürfen und sonstigen Dingen, die ich fernab jedes bedürfnisorientierten Umgangs mit Kindern sehe möchte ich gar nicht weiter schreiben.
Du meinst ich übertreibe? Ich bin ebenfalls schockiert über das, was ich von verzweifelten Mamas in sozialen Netzwerken und Foren lese, wenn diese über die diesjährigen im Moment stattfindenden Kindergarteneingewöhnungen sprechen und schreiben.
Daher kommt für uns eine „echte“ Außer-Haus-Betreuung erst dann infrage, wenn ich meine Tochter nach dem bisherigen Tagesverlauf fragen und mich nach ihren Gefühlen erkundigen kann.
Außerdem bedeutet es mir sehr viel Mini’s erste Versuche als Fußgänger als erste gesehen und ihre ersten Worte selbst gehört zu haben. Und noch so vieles mehr.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Ich bin nicht dazu bereit auf Kosten meines Kindes an einem System zu partizipieren, indem Familien dazu gedrängt werden, Innigkeit und Zusammenhalt einzutauschen, gegen räumliche Trennung und Ersatz-Bezugspersonen, weil ihnen die Wahlfreiheit genommen und Verpflichtungen, die an die Erfüllung des Jobs und die Forderungen der Arbeitswelt gekoppelt sind, aufgebürdet werden.

Clanbildung und Vernetzung

Meiner Arbeitsstelle kann ich ohne professionelle Fremdbetreuung derzeit nur mit der Unterstützung meiner lieben Freundin gerecht werden, die unsere Tochter in meiner Abwesenheit betreut, damit wir beide arbeiten gehen können. Mit der Betreuung der Kinder wechseln wir uns auch hin und wieder ab. Wir haben also einen Clan, der funktioniert und der mir hilft, alles unter einen Hut bringen zu können. Der uns maximale Familienzeit beschert und der es mir möglich macht, mich ganz auf meine Arbeit zu konzentrieren, weil ich weiß, dass Mini ganz in meinem Sinne während meiner Abwesenheit betreut wird. Das, was meine Freundin leistet, wenn sie jede Woche mit ihrer Tochter gemeinsam meiner Tochter Gesellschaft leistet, mit den Kindern isst, singt, spielt, sie in den Schlaf trägt, tröstet und bespaßt, das kann keine Betreuungsinstitution mit dem besten Betreuungsschlüssel leisten, sondern nur ein Clan.

Eine Eingewöhnung brauchten wir nicht. Warum? Weil sich meine Tochter in unserem Zuhause wohl fühlt und weil jemand kommt, den sie sowieso schon nahezu von Geburt aus kennt.
Ich habe nichts gegen frühe Fremdbetreuung. Ich weiß auch nicht, ob diese gut oder ungut ist. Ob das Kind dadurch Vorteile oder Nachteile hat.
Aber ich weiß, dass ich jede Minute, die ich mit der Mini-Maus zusammen verbringen kann, für mich sehr wertvoll ist. Und dass das eine sehr individuelle Entscheidung ist, die alle Familien selbst treffen dürfen sollten. Unabhängig von Finanzen, drängelnden Arbeitgebern oder sozialem Druck.

Familienpolitik und Familien als Spielball im Wahlkampf

Mir ist nicht klar, warum die Familienpolitik sich darüber definiert, nach einem Betreuungsangebot zu schreien, das eigentlich keiner braucht (jüngst die gelbe Partei, auf deren Wahlplakaten Empörung zu lesen war, dass Supermärkte zwar lange geöffnet haben, Kindergärten dies aber nicht leisten). Zumindest nicht dann, wenn den Familien ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung stehen würden, damit die Eltern sich selbst um ihre Kinder kümmern können. Es ist doch abstrus, dass Eltern nach 12 bzw. maximal 14 Monaten kein Elterngeld mehr erhalten, der Staat jedoch einen teuren Krippenplatz bezuschusst und ein erheblicher Teil des nun generierten Familieneinkommens ebenfalls für dessen Finanzierung dem Familienbudget verloren geht.

Jeder sollte frei entscheiden dürfen in wieweit andere Personen in die Betreuung der Kinder involviert sind und niemand sollte sich dafür rechtfertigen müssen, warum er sich dagegen oder dafür entscheidet.

Alles Liebe, Isabel!

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6 Kommentare zu „„Ohne Fremdbetreuung wird dein Kind mal asozial!“

  1. Meine Tochter kam mit 12 Monaten in eine wunderbare Kita, in der sie liebevoll aufgenommen, getragen und umsorgt wurde. Schlafen konnte sie nach Bedarf, essen, wenn sie hungrig war und wenn sie Nähe brauchte, wurde sie kurzerhand in ein Tragetuch gesteckt und wenn sie müde war, liebevoll in den Schlaf begleitet. Es gibt sie also auch, die Kitas, in denen es anders zugeht und in denen man sein Kind gerne lässt, wenn es finanziell nicht anders geht. Ich musste nach einem Jahr wieder voll arbeiten gehen und konnte mein Kind guten Gewissens fremdbetreuen lassen. Heute ist sie vier Jahre alt und sozial, empathisch, intelligent und hat ihren ganz eigenen Charakter und ist ein glückliches Kind. Dass dies aber nicht der Normalfall ist, ist mir sehr bewusst. In meinem Umfeld gibt es zig Mütter, die ihr Kind nicht gerne in den Kindergarten bringen und dazu auch die jeweiligen Kinder, die nicht gerne hingehen.
    Deshalb finde ich die Entscheidung, sein Kind zuhause betreuen zu wollen, absolut ok und nachvollziehbar. Jedes Kind und jede Konstellation muss individuell betrachtet werden. Ein schöner Beitrag.

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    1. Hallo, danke dir für deinen Kommentar! Genau so ist es! Ich wünsche mir einfach nur Verständnis für die jeweilige Entscheidung! Es tut mir sehr leid, dass du nicht die Wahlfreiheit hattest unabhängig von finanziellem Druck für euch eine Entscheidung zu treffen! Umso mehr freue ich mich, dass ihr es so gut angetroffen habt und deine Tochter so liebevoll betreut wurde 💛

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  2. Ich finde es klasse, dass du dich gegen eine Kita entschieden hast. Es ist schließlich dein Kind und das soll doch nicht von Fremden erzogen werden, sondern von dir. Verstehe manche Leute nicht, wieso die ein Drama draus machen, weil das Kind nicht in die Kita geht – zum Glück tut es das nicht! Daumen hoch für deine Entscheidung 🙂

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