Achtsamkeit · windelfrei

Windelfrei Teil 1: Was verbirgt sich hinter diesem irreführenden Begriff?

Ich habe für euch eine Beitragsreihe zum Thema ‚windelfrei‘ vorbereitet, bewusst kurz und knapp gehalten, obwohl das in der Tat ein komplexes Thema ist. Meine Beiträge sollen einen kleinen Einblick geben und euer Interesse wecken. Ich wünsche mir, dass mehr Eltern Kenntnis davon erlangen, dass es auch Alternativen zu Pampers und Co. gibt und nicht irgendwann an ihren 5-jährigen Kindern verzweifeln, die immer noch gewindelt werden wollen und müssen. Denn das ist keine Seltenheit, es spricht nur niemand darüber. Habt ihr Fragen? Wollt ihr noch mehr wissen? Dann nutzt gerne die Kommentarfunktion unten auf der Seite!

Heute geht es mit dem ersten Teil los und auch direkt mit der Beantwortung der mir am häufigsten gestellten Frage, wenn ich davon berichte, dass wir mit Mini ‚windelfrei‘ unterwegs sind:

„Trägt dein Baby dann niemals Windeln?“

Meine Antwort:

„Doch, natürlich. Als Back-up und wenn vorhersehbar ist, dass wir sonst in eine stressige Situation geraten könnten, in der im Notfall das Nutzen der Windel nötig ist.“

Und das stellt übrigens überhaupt kein Problem dar. ‚Windelfrei‘ ist kein Wettbewerb, sondern eine besondere Möglichkeit der Kommunikation zwischen Eltern und ihren Kindern. ‚Windelfrei‘ funktioniert in jeder Eltern-Kind-Beziehung anders, deswegen gibt es keine starren Dogmen, an denen „echte“ ‚Windelfrei‘-Eltern zu erkennen sind, lediglich ein paar Eckdaten sind wichtig.

Wie sind wir zu ‚windelfrei‘ gekommen?

Aus der Not heraus, ohne Literatur und Information, haben wir mit Verlassen des Krankenhauses begonnen Mini abzuhalten. Sie schrie und schrie. Der Bauch rumorte. Tagelang kam kein großes Geschäft. Nicht nach dem Stillen, nicht nach dem Schlafen. Gefühlt niemals. Nichts half. Keine Bauchmassage, kein Tragen, einfach nichts. Dann erinnerten wir uns daran, irgendwann mal einen Bericht gelesen zu haben, dass selbst viele Erwachsene in der heute üblichen Toilettenposition „nicht können“. Mit auf dem Boden abgestellten Beinen geht das manchmal nicht. Dafür gibt es dann spezielle Hocker, die es Erwachsenen erlauben, ihre Knie nach oben anzuziehen oder die Füße werden auf der Toilettenbrille abgestellt. Wir haben uns entschlossen, unsere Tochter in solch eine Haltung zu bringen, während wir sie so wie sie es gewohnt ist im Arm halten. Es dauerte nicht lange, schon kamen die ersten Pupse und sie schaffte es, sich zu erleichtern. Aus einem Versuch wurde eine Regelmäßigkeit. Stuhlgang landete seit dem bis auf weniger als eine Handvoll Male nicht mehr in der Windel, sondern immer im Töpfchen, Eimer oder der Toilette. Und draußen auch einfach hinter einem Gebüsch oder auf einem Grünstreifen. Beim Pipi sind wir nicht immer zur Stelle, aber auch das ist kein Problem. Wir sind ein eingespieltes Team und verzichten zusätzlich zum abhalten so oft es geht auf Windeln. Das schon nicht nur die Umwelt, sondern auch die empfindliche Baby- und Kinderhaut. Wenn es doch mal ein Back-up sein muss, dann am liebsten Stoffwindeln.

Wir jagen nicht jedem Pipi hinterher, seit Mini mobil ist und nicht mehr nahezu den gesamten Tag getragen wird, verpasse ich auch mal den Moment oder möchte sie bewusst nicht im Spiel unterbrechen. Wir lassen sie oft „unten ohne“ und haben die Untergründe im Haus darauf angepasst, damit möglichst wenig Reinigungsarbeit entsteht. Keine Teppiche, dafür weiche Matten im Spielbereich, damit es auf den Fliesen nicht zu kalt wird.

Du möchtest wissen, was ‚Windelfrei‘ ist? ‚Windelfrei‘ lässt sich eigentlich am besten daran erklären was es auf jeden Fall nicht ist.

Was ‚windelfrei‘ NICHT ist

Windelfrei ist keine Form der Sauberkeitserziehung und die herkömmliche Sauberkeitserziehung ist auch nicht das, was wir unter windelfrei verstehen. Unser Ziel ist es nicht, dass die Babys und Kinder trocken und sauber werden. Das ist schon das erste Missverständnis.

Bei „windelfrei“ und „abhalten“ geht es nicht um das fest in den Köpfen verankerte Sauberkeitstraining von bereits mehrere Jahre alten Kindern, sondern darum, das Bewusstsein für die Ausscheidungen zu erhalten und Babys und Kinder nicht, wie von der Windelindustrie gewünscht, an eine tragbare Toilette zu gewöhnen. Die Fähigkeit den Reiz wahrzunehmen, den eine volle Blase ans Gehirn sendet, soll weiterhin erhalten bleiben und nicht verlernt werden. Es geht nicht darum, das Baby oder Kind möglichst früh sauber und trocken zu bekommen, das ist ein angenehmer Nebeneffekt, sondern darum, auf seine Signale einzugehen. Es geht um Austausch und nicht um Kontrolle, Druck oder Zwang.

Durch nackt-sein oder Stoffwindeln, die wir gerne als Back-up verwenden, nimmt das Baby einen Zusammenhang war zwischen voller Blase oder Darm, laufen/los lassen, dem Gefühl der Erleichterung und der darauf folgenden Nässe und Wärme sowie der anschließenden Reinigung, falls in der Kommunikation mal etwas schief gelaufen ist und wir es nicht früh genug zum Töpfchen, Eimer oder auf die Toilette geschafft haben.

Es geht also nicht darum, Babys und Kinder stundenlang auf irgendwelchen Töpfchen oder Toilettenaufsätzen sitzen zu lassen, bis sie sich erleichtert haben und um sie dann anschließend mit den zuvor versprochenen Belohnungen zu überhäufen, sondern darum, auf das richtige Timing zu setzen und auf die Signale zu achten und einzugehen.

Nicht selten habe ich mitbekommen, wie die Babys befreundeter Eltern im Hochstuhl am Tisch sitzen, ein rotes Gesicht bekommen und die Eltern sich ganz stolz darüber freuen, dass ihr Kleiner Schatz gerade ordentlich was in die Windel drückt. Natürlich wird dann nicht umgehend gewickelt, sondern die Mahlzeit noch zu Ende eingenommen. Warum? Weil die Industrie suggeriert, dass es normal ist, dass Babys in die Windel machen müssen. Und dass das mit Super-Absorber-Produkten auch kein Problem ist. Trocknet ja schließlich alles schnell. Warum nehme ich mein Baby nicht hoch und ziehe es schnell aus, um es abzuhalten? Das wäre meine Alternative gewesen, wenn ich so deutliche Signale erkenne. Ich persönlich empfinde es als unfair, wenn dem Baby zunächst über Monate und Jahre antrainiert wird, sich in die Windel zu entleeren und diesen Zustand bis zum nächsten Wickeln auszuhalten, ihm das als normal zu vermitteln und dann, im Kleinkindalter ungeduldig und vielleicht auch mit Druck (von außen, oder weil es die Kita so will) wieder daran zu arbeiten, dass Töpfchen oder Toilette aufgesucht werden. Auch deswegen haben wir uns sehr bewusst für ‚windelfrei‘ entschieden, als wir an Informationen zur Thematik gelangt sind.

Vorurteile und unwahre Behauptungen

Jetzt habe ich schon jede Menge dazu geschrieben, was ‚windelfrei‘ nicht ist. Und es geht noch weiter. Sorry. Es halten sich einige hartnäckige Vorurteile und Behauptungen, mit denen ich gerne aufräumen möchte. Das ist mir mehr als wichtig, denn nur aufgrund dieser beständigen Gerüchte, meist noch durch Fachpersonal wie Kinderärzte oder Pädagogen verbreitet, erfahren viele Eltern niemals oder erst sehr viel Später von der Möglichkeit des ‚windelfreien‘ Aufwachsens.

  • Kinderärzte behaupten überzeugt, dass Kleinkinder erst ab einem Alter von etwa zwei Jahren dazu in der Lage sind, ihre Ausscheidungen zu kontrollieren. Wenn das stimmen würde, würden die Babys wohl kontinuierlich ausscheiden, und dem ist nicht so. Wer schon mal ein Baby oder Kind gewickelt hat, der weiß, dass da durchaus auch trockene Windeln anzutreffen sind. Ich halte das für ein Märchen der Industrie, konzipiert für den Mainstream, damit Eltern eine klare Handlungsanweisung zur Verfügung gestellt wird, die kein kompliziertes Nachdenken erfordert.
  • Dieser und andere Irrtümer führen dazu, dass Eltern lange Zeit gar nichts machen, außer die Babys und ihre Kinder in die Windeln zu machen lassen. Das führt nicht selten dazu, dass Schulkinder noch gewindelt werden und somit spätestens dann, wenn sie ihre soziale Blase verlassen, dafür gehänselt werden, obwohl das zu Hause alle ganz locker sehen. Die Verfechter dieser Methode gehen davon aus, dass Windeln benutzt werden und die Kinder dann irgendwann von ganz alleine trocken und sauber werden. In einigen Fällen klappt das. Das sind die Kinder, deren Eltern ganz stolz davon bei jeder Gelegenheit erzählen. Und die übrigen, und das sind nicht wenige, bei denen ist durch das lange Warten jegliches Körpergefühl für ihre Ausscheidungen verschwunden und muss mühsam wieder erarbeitet werden. Nicht immer erledigt sich alles von alleine. Die Fälle gibt es, weil ein späteres Lernfenster in eine warme Jahreszeit oder in eine besonders kooperative Lebensphase fällt, das ist aber nicht die Regel.
  • Weiter wird hartnäckig darauf hingewiesen, dass zu frühe Sauberkeitserziehung und Töpfchentraining seelische Schäden hervorrufen. Und das ist absolut richtig. Nämlich immer dann, wenn eigentlich von dem früher üblichen DDR-Töpfchentraining gesprochen wird, bei dem die Kinder nach der Uhr aufs Töpfchen gesetzt wurden und erst wieder runter durften, wenn sie sich erleichtert hatten. Der dabei aufgebaute Druck führt selbstverständlich zu psychischen Problemen, weil das Kind seine Ausscheidungen gar nicht in dem verlangten Maße steuern kann und sich nicht auf Kommando erleichtern kann und somit zum bösen oder schlechten Kind degradiert wurde. Dieser leider nicht immer so antike Ansatz ging/geht davon aus, dass Kinder sich von Anfang an ohne Unfälle entleeren können, wenn sie nur richtig konditioniert werden.
  • Und das letzte Argument: Die Babys und Kinder seien bei ‚windelfrei‘ nur konditioniert und hätten kein Bewusstsein für ihre Ausscheidungen. Auch das lässt sich ganz einfach widerlegen. Denn es ist genau umgekehrt. Kennst du Herrn Pawlow? Seines Zeichens ein Behaviorist. Wenn du Lust hast, befrage mal Google zu seinem Versuch mit dem Hund und der läutenden Glocke. Wenn es tatsächlich so einfach wäre, Babys zu konditionieren, dann würden sie sich stets und immer auf das Signalwort entleeren. Tun sie aber (leider) nicht. Konditionierung funktioniert nicht, aber das Bewusstsein für ihre Ausscheidungen bringen Babys schon von Geburt an mit. Wir müssen es nur wahrnehmen.

Was ist ‚windelfrei‘ dann?

‚Windelfrei‘ ist der kindzentrierte Mittelweg der beiden zuvor beschriebenen Methoden (Abwarten, Konditionieren). Der Fokus liegt hier nicht auf dem Festhalten, sondern auf dem Loslassen. Und das ist der entscheidende Unterschied. Der ‚Windelfrei‘-Ansatz geht vom kompetenten Kind aus. Denn biologisch sind Traglinge und Nesthocker nicht daran interessiert, ihre Umgebung zu verschmutzen. Das lässt sich in der Tierwelt prima beobachten. Die nahezu den gesamten Tag getragenen Primaten klettern nur zur Verrichtung ihrer Geschäfte von ihren Muttertieren herunter. Menschenkinder, als physiologische Frühgeburten, können das nicht. Sie brauchen Hilfe um ihr Nest sauber zu halten, die Eltern assistieren ihnen dabei. Bei ‚windelfrei‘ werden also die Eltern trainiert zur richtigen Zeit abzuhalten, mit ihrem Baby zu kommunizieren und es zu beobachten, um seine Signale aufzunehmen und sie sind dazu angehalten, sich auf ihre Intuition zu verlassen, wenn diese sich bemerkbar macht. Wer also dazu in der Lage ist zu erkennen, ob ein Kind hungrig oder müde ist, der ist auch dazu in der Lage ‚windelfrei‘ zu praktizieren.

Der Begriff ‚windelfrei‘ ist etwas unglücklich gewählt. ‚Ausscheidungskommunikation‚, aus dem Englischen übersetzt, trifft es besser.

Im nächsten Artikel wird es daher um Timing, Signale und Intuition gehen. Später folgen noch Beiträge zu ‚windelfrei‘ bei Krankheit und in der Nacht, zu ‚windelfrei‘-Streiks, die vom Baby aus gehen und zum benötigten Equipment.

Hast du Fragen? Dann hinterlasse mir einen Kommentar!

Alles Liebe, Isabel!

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3 Kommentare zu „Windelfrei Teil 1: Was verbirgt sich hinter diesem irreführenden Begriff?

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