Achtsamkeit · Elternsein · Minimalismus

Sticker, Smileys, Geschenke – und warum Lob trotzdem Manipulation ist

Wir kennen zwei alltägliche Strategien, mit denen Menschen mit größerer Macht versuchen, Menschen mit kleinerer Macht in die von ihnen gewünschte Richtung zu lenken und zu formen, unerwünschtes Verhalten zu unterbinden oder erwünschtes Verhalten zu fördern: Belohnung und Strafe. Damit werden Menschen dazu bewegt das zu tun, was andere von ihnen wollen.

Kinder brauchen die bedingungslose Liebe ihrer Eltern

Lob erzeugt Motivation, ist eine Form der positiven Bestärkung und ist auf lange Sicht der Weg an eine an Bedingungen geknüpfte Erziehung, die eigentlich nur aus Liebe und Vorbild bestehen sollte. Tut sie das nicht, dann ist irgendwann auch die Liebe an Bedingungen geknüpft, oft ohne dass es von den Akteuren in der Familie bemerkt wird. Und das ist fatal. Kinder brauchen das Gefühl, wegen ihres Selbst bedingungslos geliebt zu werden.

Lob ist auch eine Form von Belohnung

Lob hingegen ist auf das Verhalten ausgerichtet, nicht aber auf den Gedanken dahinter. Das Kind als Subjekt mit all seinen Facetten wird nicht mehr gesehen. Ist die Liebe, die unsere Kinder von uns erleben, an Lob und Kritik gekoppelt, erziehen wir sie zu fremdbestimmten Persönlichkeiten, die sich nicht mehr wegen der Sache selbst rühren, sondern nur wegen der zu erwartenden Konsequenz – positiv wie negativ.

Bedingungslose Elternschaft

Auch elterlicher Stolz sollte stets an Bedingungslosigkeit geknüpft sein, nicht an erbrachte Leistung, die gelobt werden kann. Ich bin stolz, weil ich stolz bin, auch ohne besondere Leistung. Auch das bloße Dasein zählt.

Je mehr jemand dafür belohnt wird, etwas zu tun, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass er das Interesse an dem, was er tun musste, um die Belohnung zu bekommen, verliert. (Alfie Kohn)

Echtes Interesse wird durch extrinsische (von außen kommende Motivation, aufgrund zu erwartender Belohnungen oder Bestrafungen) Motivation, die nur als Mittel zum Zweck wahrgenommen wird, gehemmt. Es geht nicht mehr (nur) um die Sache an sich, sondern um das, was darauf folgt. Nämlich Lob und Belohnung. (Alternativ auch eine zu erwartende Strafe)

Warum funktioniert Lob dann (zumindest kurzfristig)?

Ganz einfach: weil jedes Kind das Bedürfnis nach Anerkennung durch seine Eltern hat.
Ein schnell daher gesprochenes „Gut gemacht!“, ein neuer Sticker als Token auf der Verstärkertafel oder der Smiley-Stempel in der Schule fordern weniger Aufwand als ein tiefer gehendes Gespräch, indem es nicht nur um das vordergründige Verhalten geht, sondern um das Dahinter.
Oft möchten Kinder, die „Schau mal Mama, ich bin hier oben!“ rufen, einfach nur ihr überwältigendes Erlebnis, das Klettergerüst gerade alleine erklommen zu haben, mit ihren Eltern teilen. Ihre Eltern sollen das sehen. Sie möchten keine Bewertung wie „Gut gemacht!“ erfahren. Denn das impliziert, dass es auch ein „Schlecht gemacht!“ gibt. Wird in solchen Situationen großzügig Lob verteilt, dann neigen Kinder dazu, nicht mehr wegen der Sache selbst, also dem Spaß am Klettern oder der Herausforderung, aktiv zu werden, sondern um ein Lob zu erheischen und stattdessen irgendwann fragen „Schau mal Mama, ich bin hier oben, gut, oder?“
Kinder, die stets fürs Teilen gelobt werden, tun dies irgendwann nicht mehr aus der Überzeugung heraus, jemandem etwas abzugeben, sondern nur noch dann, wenn eine Bestätigung von Bezugspersonen winkt. Großzügigkeit als feiner Charakterzug entsteht dadurch nicht. Vor allem dann nicht, wenn die, von denen das Lob für die Handlung kommt, nicht in Reichweite sind. Wer aus eigenem Antrieb (und das setzt eine entsprechende Gehirnreife voraus) heraus etwas abgibt, der tut das, weil ihn die (freudige, glückliche, zufriedene,…) Reaktion seines Gegenübers berührt und so Verbindung zustande kommt.

Lob schädigt langfristig das Selbstwertgefühl und eine gesunde Eigenwahrnehmung

 

Lob wirkt sich darauf aus, was wir von uns wissen und wie wir uns erleben. Ein geringes Selbstwertgefühl beschert uns langfristig Unsicherheit, Selbstkritik und das Suchen nach Schuld bei uns selbst, weil wir so sind, wie wir sind. Lob fördert also keinesfalls die Entwicklung eines gesunden Gefühls für sich selbst. Zwischen den Zeilen unterstellen wir damit auch, dass wir eigentlich etwas anderes erwartet haben und das hier gezeigte Verhalten besonderes Lob verdient. Kindern wird so suggeriert, dass die Erwachsenen und Eltern ein schlechtes Bild von ihnen haben (Stichwort schwarze Pädagogik), was sie soeben geschafft haben zu widerlegen. Kinder empfinden irgendwann keinen Stolz mehr für ihr eigenes Tun, sondern sind auf externe Bestätigung angewiesen, die ihr Handeln in gut oder schlecht kategorisiert. Im schlimmsten Fall entsteht eine Lob-Sucht, die sie auch als Erwachsene weiterhin von der Bestätigung anderer abhängig sein lässt. Je mehr Lob ausgeteilt wird, desto mehr weiteres Lob wird benötigt und eingefordert, um sich gut zu fühlen.

Mehr Lob, weniger Kooperation und Motivation

Kinder wollen kooperieren, auch ohne, dass ihnen dafür etwas in Aussicht gestellt wird. Diese Fähigkeit ist genetisch hinterlegt und braucht keine Formung seitens der Erwachsenen. Je mehr Lob sie für normales Verhalten, was sie aus innerem Antrieb heraus leisten, weil sie dazu gehören möchten, erhalten, desto mehr macht sich im Unterbewusstsein breit, dass eigentlich etwas anderes von ihnen erwartet wurde.
Wenn wir Lob als eine Art der Belohnung verstehen und die Belohnung irgendwann der einzige Antrieb für eine Aufgabe, ein Interesse oder ein Engagement ist, dann werden diese Dinge nur noch als Mittel zum Zweck erledigt und nicht aus Freude und Überzeugung heraus. Echtes Interesse verschwindet, die Belohnung ist der einzige Antrieb. Anstatt den Fokus auf die Sache an sich zu legen, steht nur das Lob im Vordergrund und schnell findet sich die Konzentration dort wieder, wo es darum geht herauszufinden, was zu tun ist, um weiterhin Lob und Aufmerksamkeit zu erhalten.

Kinder wollen gesehen werden

Festen Bestand hat meist der Gedanke, dass die Kinder ohne Lob ja keine Beachtung finden. Kein Lob bedeutet nicht, kein Interesse zu haben und zu zeigen. Auch ohne Lob ist Verbindung möglich. Kinder wollen gesehen werden, so wie sie sind und in den Dingen, die sie tun, ohne dabei etwas leisten zu müssen. Sie möchten sich wertvoll für die Gemeinschaft fühlen und akzeptiert werden. Auch wenn wir mit unserem Lob eigentlich keine Macht ausüben wollen und unser Kind nicht in eine Richtung formen möchten, ist allein das nicht ausschlaggebend. Wichtig ist, wie es beim Kind ankommt. Gut gemeint zählt also nicht.
Als Kind nicht ausreichend gesehene Erwachsene sind oft der Meinung, von ihren Eltern nicht genug gelobt und anerkannt worden zu sein. Eigentlich findet hier eine Verwechslung statt. Es hat ihnen meist nicht an Lob und Anerkennung, sondern an Liebe gefehlt. An echter und ehrlicher Liebe, die nicht an Bedingungen und Leistung geknüpft ist.

Alternativen für eine achtsame Kommunikation

Das hast du gut gemacht! Du stehst ja ganz oben auf dem Klettergerüst!

 

Du hast toll geteilt! Weil du dein Spielzeug abgegeben hast, freut sich XY gerade, siehst du, wie sie lacht?

 

Das ist aber ein schönes Bild! Der Drache auf deinem Bild hat Feuer in der Nase und drei Augen. Und das, was ist das hier?

 

Du hast mir gut geholfen! Weil du mir geholfen hast, bin ich schneller fertig. Wollen wir nach draußen?

 

Ich möchte euch gerne eins meiner liebsten Bücher ans Herz legen. Ein Buch, das so viel Wahrheit in sich trägt, das mir so sehr die Augen geöffnet hat: „Liebe und Eigenständigkeit“ von Alfie Kohn.

 

Alles Liebe, Isabel!

 

3 Kommentare zu „Sticker, Smileys, Geschenke – und warum Lob trotzdem Manipulation ist

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