Leser-Geburtsberichte

Gastbeitrag | Gute Reise, kleiner Eisbär – wie ich unser Baby in der 13. SSW gehen lassen musste

Gute Reise, kleiner Eisbär

Ein leiser und doch lauter Abschied. Nichts, aber auch gar nichts auf dieser Welt bereitet Dich auf diesen Moment vor.

„Oh. Es tut mir leid, aber Ihr Baby hat sich leider nicht weiter entwickelt.“

Ich starre in das Gesicht meiner Gynäkologin. Mein Freund starrt zurück. Spricht diese Frau mit mir? Meint die uns und unser Baby? Ist hier noch eine andere Frau im Raum?

„Ich verstehe nicht“, sage ich.

Sie wiederholt den Satz, der unser bisheriges Leben in diesem Augenblick vorerst zerstört. Wie kann das sein? Vor zwei Wochen war doch noch alles in Ordnung?

„Ich gebe Ihnen eine Überweisung ins Krankenhaus. Es muss ausgeschabt werden. Unter Vollnarkose. Es ist schon zu groß.“

Spricht sie mit uns? Vielleicht ist das Gerät kaputt. Ja, das muss es sein. Das Ultraschallgerät hat einen Defekt.

„Wir nehmen noch Blut ab und schauen, ob der Hcg-Wert sinkt.“

Ich glaube, ich falle in Ohnmacht. Meine Ohren piepsen. Ich höre und sehe nichts.

„Es tut mir leid, aber das passiert.“

Das passiert? Das ist es? Das war’s? So einfach? Wir können es einfach nicht fassen. Wir fahren nach Hause. Ich lasse mich krank schreiben. Mein Freund nimmt sich erst einmal eine Auszeit von der Uni. Glück im Unglück. Ich hoffe bis zum Abend. Dann der Anruf.

„Im Vergleich zur vorherigen Blutabnahme ist der Hcg-Wert rückläufig.“

Wir weinen und liegen uns in den Armen und wir hoffen bis zuletzt, dass doch alles ein großes Missverständnis ist. Wo wir doch so ein Glück hatten. Sofort schwanger. Am nächsten Tag melden wir uns im Krankenhaus. Die Ärztinnen sind alle unwahrscheinlich nett. Kenne ich so gar nicht. Sie tun alles.

„Wir machen einfach noch einen Ultraschall.“

Sie geben sich so viel Mühe.

„Lieber ein Mal zu viel Blut abgenommen, als ein Mal zu wenig.“

Das Ergebnis bleibt dasselbe. Unser kleiner Eisbär hat andere Pläne. Wir waren uns gleich sicher, dass er ein Junge ist. Deswegen hat er von Anfang an diesen Namen bekommen. Zwei Tage später ist es soweit. Wir fahren ins Krankenhaus zur OP. Ich fühle nichts. Gar nichts. Nur diese Stille und Leere in meinem Kopf und meinem Körper und am schlimmsten im Herz. Wieso wir? Was soll das?

Freunde und Familie. Die wenigsten helfen. Die meisten sagen Dinge wie

„Ach. Komm, es war doch noch kein richtiges Baby, sei doch froh, dass Du überhaupt schwanger werden kannst, dann war bestimmt auch irgend etwas nicht richtig mit dem Kind…“

Die wenigsten sagen einfach

„Es tut mir leid.“

Vor dem Eingriff haben wir beide Angst. Mein Freund auch um mich. Eine OP birgt eben immer Risiken. Er darf bei mir bleiben bis ich in den OP geschoben und von den OP Schwestern vorbereitet werde. Es dauert alles unendlich lange. Die einzigen Gedanken die ich habe kreisen nur um unseren kleinen Eisbären. Gleich holen sie Dich aus mir raus und ich kann Dich nicht sehen, anfassen und beerdigen. Mir ist kalt, mir ist so unendlich kalt im Herzen. Ich schlafe ein und als ich wieder wach werde bin ich nicht mehr schwanger. Sie haben mir den Eisbären genommen. Er ist einfach verschwunden. Es frisst uns auf. Die Trauer. Wir beerdigen als Ritual für uns einen kleinen Stein. Es hilft nicht. Ich dachte, es würde helfen. Tut es nicht.

Auch noch Wochen später kämpfe ich mit der Trauer und der Leere. Ich muss mir Hilfe suchen. Eine liebe Freundin empfiehlt mir das Buch „Lange Hoffnung – jähes Ende“. Das hilft. Dort fühle ich mich verstanden. Denn viele Menschen im meinem Umfeld meinen, es sei aber langsam mal gut. Irgendwann muss man auch mal aufhören zu weinen. Ich fange an den besten und schlimmsten Moment des Tages aufzuschreiben und so langsam, ganz langsam, atme ich wieder.

Die Zeit. Die Zeit hilft. Ich habe unseren kleinen Eisbären nicht vergessen und das würde ich auch niemals. Er gehört zu uns.

Ich möchte Euch nur Mut machen, Ihr Eisbären und Prinzessinnen Mamas.

Ihr schafft das. Gebt nicht die Hoffnung auf und lasst Euch von niemandem sagen, wie und wie lange Ihr zu trauern habt. Das bestimmt Ihr ganz alleine.

Ihr dürft tun, was Euch gut tut. Lachen, weinen, Eiscreme essen, weg laufen, das Meer anschauen, ganz egal was.

Von Herzen

Anne

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