Achtsamkeit · Elternsein · Geschichten aus dem Leben

Die Smartphone-Muttis oder früher war alles besser!

Nora Imlau hat heute auf ihrer Facebook-Seite eine Reihe von Cartoons geteilt, welche die Stadt Bergisch Gladbach hat plakatieren lassen. Zu sehen sind darauf Mütter, die Kinderwagen schieben, Unfälle mit Einkaufswagen verursachen und Kinder auf der Picknickdecke nicht beachten. Stattdessen haben sie ihre Smartphones in der Hand. Klickt bitte auf den Link, ich mag diesem Umfug hier nicht noch mehr Raum geben, indem ich die Fotos auf meiner Webseite einpflege.

Für die Kritiker, die ihren erhobenen Zeigefinger auf die Mütter (und Väter, die ich hier nur zu Beginn einmalig erwähne) mit den Smartphones richten, direkt mal ein paar Fragen für euch:

  • Schläft euer Kind jedem Mittag fein im Kinderzimmer?
  • Geht es am frühen Abend ins Bett und schläft dann bis zum nächsten Morgen durch, sodass ihr abends Freizeit genießt?
  • Euer Kind ist nicht so bedürfnisstark, dass es keine Sekunde ohne euch sein kann?
  • Euer Kind kann sich auch mal alleine beschäftigen?
  • Euer Kind ist kein Dauerstiller?
  • Ihr habt Partner oder eine Familie, die euch spätestens abends und am Wochenende unterstützen?

Wenn ihr diese Fragen mit „ja“ beantworten könnt: Prima! Toll für euch! Ihr habt genug Zeitfenster jeden Tag, euch dann mit Medien, Nachrichten, Kultur, Kontaktpflege, Telefonaten und Freundschaften zu beschäftigen, wenn euch eure Kinder gerade nicht brauchen. Dann braucht ihr auch kein Smartphone, wenn eure Kinder in der Nähe sind.

Viele Mütter sind heute Power-Muttis, 24 Stunden im Dauereinsatz. Zum Wohl ihrer Kinder. Weil sie es wollen, oder weil sie nicht die Wahl haben und müssen. Weil sie von ihren Kindern gebraucht werden. Dass Kinder ihre Eltern heute mehr als je zuvor brauchen, steht völlig außer Frage.

Was ist daran verwerflich, wenn das im Tuch getragene oder im Wagen geschobene Kind endlich mal schläft, nicht ganz den Kontakt zur realen Welt zu verlieren und am Smartphone ein paar Nachrichten zu lesen, Kontakt zu Gleichgesinnten oder zu denen zu pflegen, die aufgrund der intensiven Kinderbetreuung nicht mehr ganz so viel Aufmerksamkeit bekommen? Heute schreibt man keine Briefe und Telegramme mehr, sondern E-Mails und WhatsApp-Nachrichten. Bei wem das nicht angekommen ist, der hat irgendwie den Bezug zu Zeit und Realität verloren. Es soll auch digitale Einkaufszettel geben, das schiebe ich jetzt mal auf die Nachhaltigkeit und grünes Leben. Von digitalen Büchern, die ich in der Bahn lesen kann, auch mit schlafendem Kind im Tuch oder Wagen, habe ich auch schon gehört. Merkwürdige Welt, was es alles geben soll. Immer dieser digitale Kram. Weg damit. Braucht niemand, nützt nichts.

Ein typischer Fall von ‚Gut gemeint, schlecht gemacht‘. Mehr fällt mir zu dieser Aktion nicht ein. Die Stadt Bergisch Gladbach wirbt mit dieser Kampagne nach eigener Aussage ohne erhobenen Zeigefinger und lustig soll das ganze auch noch sein. Andere Städte haben für ähnliche Plakate auch schon Steuergelder investiert.

Bei mir kommt das nicht so an. Ich fühle mich verhöhnt und angegriffen. Ich ertappe mich dabei, gedanklich zu überprüfen, ob ich nicht doch ein schlechtes Gewissen haben müsste, weil ich das Smartphone nutze, um meinen Tagesablauf zu optimieren und um dadurch in der Summe wieder mehr Zeit für mein Kind zur Verfügung zu haben. Ja, bin ich selber schuld, ich könnte auch so taff und unsensibel sein und das einfach ignorieren und diese verallgemeinernde Kritik nicht an mich heran lassen. Kann ich aber nicht, denn mein Kind braucht eine sensible und empfängliche Mutter, die ich auch gerne sein möchte. Ich fühle mich, wenn ich sowas lese, nicht mehr wertgeschätzt in dem, was ich den ganzen Tag aus purer Überzeugung tue. Nämlich für mein Kind da zu sein.

Zur Information, liebe Kritiker, liebe Stadt Bergisch Gladbach (in der ich zum Glück nicht wohne und mir deswegen diese Plakate lediglich auf meinem Smartphone ansehe) und liebe ‚AlleAnderen‘, die sich an solchen Plakaten erfreuen: mein Tag beginnt morgens um 07:30 Uhr, nachdem ich mich mindestens alle zwei Stunden, die ganze Nacht hindurch, darum gekümmert habe, dass mein Kind mit Nahrung versorgt ist, getröstet wird, Nähe erfährt und auch sonst alles bekommt, was es braucht und wonach es ruft. Dann startet der Marathon. Neben Haushalt, zwingend wahrzunehmenden Terminen und dem sonstigen Alltagsgeschäft, das ich auch in meiner Elternzeit nicht ausblenden kann. Die Betreuung eines bedürfnisstarken, hochsensiblen und windelfrei aufwachsenden Kleinkindes, auf das ich permanent ein Auge habe, dessen Zeichen und Signale ich permanent wahrnehme und darauf reagiere. Dessen Bedürfnisse ich altersangemessen, nämlich prompt, stille. Mit allem was dazu gehört. Gespielt und gefördert wird nur gemeinsam. Und ja, es gibt Kinder, die können und wollen sich nicht alleine beschäftigen oder alleine schlafen. Nicht weil ihnen etwas fehlt, oder weil die Eltern etwas falsch machen, sondern weil sie neugierig sind, weil sie interessiert sind, weil sie aktiv sind, weil sie sich schnell langweilen, weil sie Bedürfnisse haben und weil sie Verbindung brauchen. Nachmittags um 17 Uhr wünsche ich mir schon, dass endlich Abend sein soll. Dann muss ich zumindest nur noch daneben liegen und Nähe spenden. Vor 21 Uhr sind wir selten im Bett, und auch da beginnt nicht Erholung, sondern weiteres Kümmern. Tagschläfchen werden im Tragetuch, nah bei mir, erledigt. Ausnahmsweise funktioniert in seltenen Fällen mal der Kinderwagen.

Kürzlich wurde ich auf einem Waldweg von einem älteren Ehepaar angesprochen, dass es früher „sowas“ (also Mütter mit Smartphones) nicht gegeben hätte. Klar, früher, wo ja alles besser war, wo Mütter ohne Smartphone, ohne Online-Blogs, ohne Online-Clan selbstverständlich genau so gut informiert und vernetzt waren wie heute, wo es kein Home-Office gab und keine Erledigungen, die zwingend digital bearbeitet werden müssen weil es das System so verlangt, da gab es „sowas“ nicht. Da war es allerdings umso öfter so, dass Kinder alleine gelassen wurden, schreien gelassen wurden und nicht so intensiv betreut wurden, weil ein ganz anderes Bild von Kindern präsent war und die Mütter bei weitem nicht so vernetzt und informiert über die relevanten Themen waren wie heute. Aber klar, man kann natürlich pauschal, das was früher so war oder nicht war besser finden. Ist halt einfach, mal eben einen Kommentar zu einem Augenblick rauszuhauen, ohne die persönliche Geschichte dahinter zu kennen.

Soll ich jetzt, weil ich mich dazu entschlossen habe, mich in Vollzeit um mein Kind zu kümmern, völlig verdummen? Soll ich mich nicht mehr über die aktuelle Politik informieren, damit ich für die nächste Wahl Bescheid weiß, wo ich das Kreuzchen machen soll, und nicht meinen Mann oder die Nachbarin danach fragen muss? Soll ich aufhören zu lesen, mich zu bilden und neue Informationen zu erlangen? Darf ich keinen Kontakt mehr zu meinen Freundinnen, Freunden und zur Familie pflegen, die aufgrund der intensiven Kinderbetreuung eh schon zu kurz kommen? Es soll auch Mütter geben, die bringen Kinderbetreuung und Home-Office unter einen Hut. Wann sollen Mails und Nachrichten vom Chef gelesen und bearbeitet werden? Wenn das Kind daneben sitzt? Es soll Kinder geben, die schlafen oder verbringen eben keine Zeit alleine. Also? Wann jetzt?

Und warum nochmal darf ich all das nicht tun, wenn mein getragenes oder im Kinderwagen geschobenes Kind gerade schläft? Warum dürfen Mütter diese wenige exklusive Zeit nicht so nutzen, wie sie möchten, wenn alle anderen Pflichten erfüllt sind? Früher haben Mütter auch andere Dinge in dieser Zeit getan, vielleicht nicht aufs Smartphone geschaut, aber genau so sicher auch nicht dauerhaft auf ihr schlafendes Kind, ohne den Blick abzuwenden.

Lieber Kritiker, kommt mir nicht mit Strahlung. Auf der Entbindungsstation des Krankenhauses meiner Wahl war in jedem Zimmer W-Lan verfügbar. Und nein, ich habe es nicht deswegen ausgesucht, damit ich mich bereits während der Geburt ins Netz einwählen kann, um im Anschluss sofort mein Rabenmutter-Dasein zu starten. Und die Netze meiner Nachbarn empfange ich in meinem Haus, auch wenn mein eigenes Internet abgeschaltet wäre. Ein strahlen- und netzfreies Leben in der Zivilisation gibt es nicht mehr.

Ich frage mich daher ernsthaft: wer gestaltet solche Plakate? Vermutlich jemand, der damit seine Brötchen verdient. Okay. Kann ich noch nachvollziehen, ich musste eigene Prioritäten in meinem Job auch manchmal hinter dem Firmenkonzept zurücktreten lassen. Und noch ernsthafter: wer gibt auch noch Geld für Werbeflächen aus, um solchen Schwachsinn zu verbreiten? Gut, weiß ich jetzt auch. Zum Beispiel die Stadt Bergisch Gladbach. Und andere Städte, die ihre Steuergelder gerne in solche Aktionen investieren.

Und jetzt

an all die Smartphone-Muttis

da draußen, die ihre Kinder vernachlässigen: lasst euch nicht verunsichern! Ihr gebt Tag für Tag alles für eure Kinder. Ihr seid rund um die Uhr für eure Kinder da!

Lasst euch nicht entmutigen, ihr lieben Muttis (und Papis) ❤️

Ihr seid so, wie ihr seid, gut! Ihr seid großartig! Ihr macht das richtig! Sorgt für euch, damit ihr für eure Kinder umso mehr sorgen könnt! Gönnt euch Auszeiten und gestaltet sie so, wie sie euch gut tun!

Lasst euch nicht ins Lächerliche ziehen! Pflegt euren Clan. Gerne auch online und vom Handy aus. Das mache ich jetzt auch erstmal, nachdem ich meinem Ärger mit diesem Artikel Luft gemacht habe, indem ich mir Zuspruch hole. Mit meinem Smartphone. In meiner Lieblings-WhatsApp-Gruppe. Von anderen Müttern, von deren Austausch ich täglich profitiere und der mir Antrieb gibt, alles zu geben, was mein Kind von mir braucht!

Alles Liebe, Isabel!

P.S. Katha von natürlich-geliebt hat die Blogparade #mehrToleranzfürEltern ins Leben gerufen. Klickt mal drauf!

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