Elternsein

„Spielt doch zusammen!“ – Wie ist das eigentlich mit dem Teilen? Ist das Pflicht?

Bisher beobachten wir Teil-Situationen mehr aus der Zuschauerperspektive und waren bisher selten aktive Akteure in diesen doch recht kompliziert erscheinenden Szenarien. Zu Zeiten, zu denen wir auf dem Spielplatz sind, ist meist wenig los. Wir spielen für uns, oder sind gemeinsam mit meiner Freundin mit einer gleichaltrigen Tochter im Sandkasten unterwegs. Die Kinder kennen sich und harmonieren miteinander. Streit ums Spielzeug gibt es selten bis gar nicht. Auf andere, größere Kinder, üben sie derzeit kaum Anziehungskraft aus, vermutlich rechnen sie bei uns nicht mit brauchbaren Spielzeugen und bleiben daher auf Abstand. Aber der Tag wird kommen. Ich rechne fest damit. Dann steht ein anderes Kind, begleitet von einer fordernden Mutter, vor uns und erhebt Anspruch auf eins unserer Spielzeuge. Was tun, wenn die Umgebung anderer Meinung ist und Erwartungen hat, die ich nicht erfüllen kann?

Ich habe eine ganz klare Haltung dazu: Mein Kind muss seine Sachen nicht teilen, wenn es nicht möchte! Warum? Ich lasse ja auch nicht jeden mit meinem Auto fahren oder verleihe mein Smartphone, damit jemand kurz seine E-Mails checken kann, wenn ich damit nicht einverstanden bin. So einfach ist das eigentlich. Ein paar Hintergründe und Denkanstöße, die für mich stimmig sind, habe ich in diesem Artikel noch zusammengetragen.

Wieso sind Eltern von teilenden Kindern immer so stolz und verachten Familien, in denen die Kinder ihr Hab und Gut nicht auf Drängen und Ermahnen oder auf die Drohung hin, dass „wir sonst nach Hause gehen“ abgeben müssen? Letzteren sind ihre Sachen eben sehr wichtig und sie haben bereits im Kleinkindalter einen ausgeprägten Drang, ihre Besitztümer zu wahren. Selbst zwei Babys, die gemeinsam auf der Krabbeldecke sitzen, halten das, was sie gerade haben, mit ihren kleinen Händen möglichst fest, wenn sich ein „anderer Interessent“ nähert. Kinder sind egoistisch, und das ist auch okay so. Sonst gäbe es uns vermutlich alle gar nicht mehr.

Wer freiwillige teilt, teilt mehr und häufiger!

Kinder, die stets zum Teilen überredet oder gezwungen und für die ausgeführte Handlung dazu noch gelobt werden, tun dies irgendwann nicht mehr aus der Überzeugung heraus, jemandem etwas abzugeben, sondern nur noch dann, wenn eine Bestätigung von Bezugspersonen winkt.

Großzügigkeit als feiner Charakterzug entsteht nicht dadurch, dass Kinder möglichst oft zum Teilen angehalten werden, sondern dadurch, dass sie aus echter Überzeugung teilen dürfen, wenn sie dazu bereit sind.

Vor allem dann nicht, wenn die, von denen das Lob dafür kommt, nicht in Reichweite sind. Wer aus eigenem Antrieb heraus etwas abgibt, der tut das, weil ihn die (freudige, glückliche, zufriedene, …) Reaktion seines Gegenübers berührt und so Verbindung zustande kommt. Und nicht, weil er eine Reaktion in Form von Belohnung oder Strafe erwartet.

Kleine Kinder hingehen sind oft mit der Situation überfordert, wenn sie durch andere Kinder, in Begleitung und Unterstützung durch deren Eltern, zum Abgeben von eigenen Spielsachen aufgefordert werden. Die einzige vorgebrachte Begründung lautet dann: „Weil man das so macht“. Meine Gedanken dazu habe ich hier bereits aufgeschrieben.

Wenn meine Tochter ihren Eimer, ihr Sandförmchen und ihre Schaufel zum Spielplatz mitbringt, dann ist davon auszugehen, dass sie auch damit spielen möchte. Um sich selbst zu artikulieren ist sie noch zu klein, wenn sie mit ihren Händen ihr Spielzeug fest umklammert, deute ich, dass sie keine der drei Sachen abgeben möchte. Das kommuniziere ich. Ich helfe ihr, ihre Grenze und ihren Besitz zu wahren und kommuniziere für sie ihr Bedürfnis. Einige, wenn auch wenige, Male habe ich dafür böse Blicke und schnippige Kommentare geerntet. Mir wurde prognostiziert, dass meine Tochter später kein soziales Wesen hat. Seltsam, ich bin der Meinung, dass Kinder bereits hoch-sozial und kompetent auf die Welt kommen und dass nicht-teilen-wollen bei Kleinkindern ein absolut altersgerechte Verhalten darstellt, was sich nach und nach, spätestens wenn sie die Empathiefähigkeit erworben haben, von selbst gibt. Grund genug, das ganze mal etwas genauer zu beleuchten.

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Kinder müssen ihre Sachen auch abgeben, wie sollen sie denn sonst teilen lernen! Eine Mögliche Hypothese. Meiner Meinung nach lernt aber niemand das Teilen, indem ihm seine Sachen weggenommen werden. Die (Spiel)Sachen, die meine Tochter unterwegs dabei hat, gehören ihr. Ich habe sie ihr gekauft oder sie hat sie geschenkt bekommen. Sie darf entscheiden, ob sie selbst damit spielt, ob wir sie in unsere Tasche räumen, damit sie in Sicherheit sind, oder ob sie sie anderen Kindern überlassen möchte. So wie ich über mein Auto oder mein Smartphone verfüge. Nur weil Kinder Hab und Gut im kleineren Rahmen besitzen, heißt das nicht, dass es ihnen deswegen weniger wichtig ist. Und „zusammen spielen“ ist da auch nicht unbedingt der geeignete Mittelweg. Ich möchte mein Buch schließlich auch gerne alleine lesen, ohne dass mir jemand dabei über die Schulter schaut.

Ich ziehe gerne Parallelen zur Erwachsenenwelt. Kinder sind zwar Kinder, aber sie haben die gleichen Rechte. Nicht hingegen die gleichen Pflichten, aber das ist ein anderes Thema. Wenn mein Mann mir eine Armbanduhr schenkt und mich dann ein paar Tage später auffordert, die Uhr kurz seiner Cousine auszuleihen, damit sie beim Shoppen weiß, wie spät es ist, würde ich das, wenn ich sie nicht aus innerer Überzeugung abgeben möchte, verneinen. Wie würde ich mich fühlen, wenn er mich nun mit der einen Hand am Handgelenk festhält, mit der anderen den Verschluss der Uhr löst, die Uhr wegnimmt und sagt „Du musst auch mal teilen!“. Komisch oder? Auf die Idee würde niemand kommen. Und warum soll jetzt meine Tochter nochmal ihr Sandförmchen abgeben, wenn sie es nicht möchte? Und warum soll ich da ihre Grenzen überschreiten und es ihr gewaltsam entreißen, wenn sie es nicht von sich aus abgeben möchte?

Mal wieder alles eine Frage der Gehirnentwicklung!

Kleinkinder können keine gerechten Entscheidungen treffen, ihr Gehirn ist dazu noch nicht in der Lage. Der noch nicht ausreichend entwickelte präfrontale Kortex, das Areal im Gehirn welches auch für Verhaltenskontrolle verantwortlich ist, ist noch in der Entwicklung. Es fehlt ihnen die Fähigkeit, den Standpunkt ihres Gegenübers einzunehmen. Und das lernen sie nicht dadurch, dass wir ihnen ihre Gefühle und ihren Willen absprechen und an diese Stelle unsere oder die Erwartungen anderer platzieren, sondern indem wir ihnen ehrliches Mitgefühl entgegen bringen und Verständnis zeigen.

Der Sinn für Gerechtigkeit und die Bereitschaft zum Teilen kommen also mit dem Alter.

Erwartungen der anderen erfüllen? Geht es darum?

Einer meiner vielen Glaubenssätze, dass Kinder teilen müssen, um teilen zu lernen, hat für mich glücklicherweise keinen Bestand mehr. Trotzdem erwische ich mich öfter dabei, mir zu überlegen, was wohl die anderen gerade von mir und von uns denken. Aber darum geht es nicht. Es geht um meine Tochter und die Beziehung zu meinem Kind. Teilen soll sich für sie gut anfühlen, sie soll das aus Überzeugung und Freude heraus tun, für ihr Gegenüber. Wenn sie dazu bereit ist. Und nicht für mich oder für andere Eltern, die das erwarten. Diesem Druck bin ich gewachsen, ich schaue in solchen und ähnlichen Situationen nicht mehr von oben auf mich herab, um zu prüfen, ob ich eine gute Mutter bin. Meine Tochter soll nicht ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse zurückstellen, um gemocht zu werden. Was verbinde ich mit denen, die meine Sachen nehmen, obwohl ich sie nicht hergeben möchte? Was empfinde ich ihnen gegenüber? Vermutlich tauchen in mir Gefühle wie Missgunst oder Neid auf. Diese Gefühle zeigen sich auch schon bei Kleinkindern, auch wenn sie sie nicht genau beschreiben können, bleibt ein Unwohlsein spürbar.

Kinder brauchen Begleitung und keine drängelnden Erwachsenen!

Noch abenteuerlicher wird es für mich, wenn meine Tochter die Sachen anderer Kinder, die das nicht möchten, nimmt und die Eltern des anderen Kindes munter drauf los ermahnen, dass es jetzt aber wirklich seine Sachen hergeben soll. Teilen ist doch selbstverständlich. Nein. Möchte ich nicht. Ich möchte nicht, dass meine Tochter Sachen übergeben bekommt, die anderen Kinder gewaltsam entrissen wurden. Ich möchte nicht, dass sie sieht, dass man sich so einfach an dem Hab und Gut anderer bedienen kann, wenn man sich der Unterstützung eines Stärkeren sicher ist. Ich möchte ihren Frust und ihre Enttäuschung begleiten und ihr die Möglichkeit geben, an solchen Situationen zu wachsen. Mit mir zusammen. Ihr Frust hat genau so seine Berechtigung wie der Besitzanspruch des anderen Kindes.

Begleitung als Strategie

Zwei Kinder, ein Spielzeug. Ein Besitzer und ein Interessent. Beide Anliegen sind wichtig. Der eine möchte sein Hab und Gut behalten, der andere interessiert sich auch dafür und möchte es ausprobieren. Beide Standpunkte sind okay. Der Besitzer möchte seine Integrität wahren, der Interessent möchte seine Neugier befriedigen. Für letzteren entsteht hier meist Frust und Unverständnis. Kinder eben. Verständnis für die Gefühle zeigen, ist wichtig („Ich sehe, dass du auch gerne den Eimer hättest. XY möchte ihn nicht abgeben, sollen wir etwas anderes Interessantes für dich suchen? Worauf hast du sonst noch Lust? Wir können später nochmal fragen, ob XY das Spielzeug dann gerade noch braucht!“).

Kinder werden im Laufe der Zeit Erfahrungen in beiden Positionen sammeln. Mit voranschreitender Entwicklung werden sie sich erinnern, wie sie sich gefühlt haben, als mit ihnen geteilt und als ihnen nichts abgegeben wurde und dies nach und nach in ihre Entscheidungen mit einbeziehen, ohne dass wir Erwachsenen das moderieren.

Bei einer anderen Mutter habe ich kürzlich beobachtet, dass sie eine riesige Tasche mit zum Spielplatz geschleppt hat. Alles in doppelter und dreifacher Ausführung. Mein gemeines Schubladendenken war sofort aktiviert: Wofür braucht man all diesen Kram? Ohje, wofür brauchte sie den? Zur Entschärfung potenzieller Gemängelagen. Eine wirklich tolle Idee: damit ihr Sohn seine Sachen nicht abgeben muss, hat sie anderen Kindern Sandspielzeug und Förmchen aus ihrem Beutel angeboten. Ich habe mich gefragt, wie das auf andere Eltern wirkt, die Teilen einfordern und darauf bestehen, dass ihre Kinder auch etwas von den Sachen der anderen abbekommen. Ich denke, so wird ein stellvertretendes Teilen für ihren Sohn möglich sein ohne seine Integrität zu untergraben und seine Grenzen zu überschreiten. Gleichzeitig kann sie betonen, dass ihrem Sohn seine Sachen wichtig sind. Eine wirklich tolle Idee, die ich mir gemerkt habe und für spätere Situationen auch beherzigen werde.

Wie löst ihr denn solche Situationen?

Alles Liebe, Isabel!

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4 Kommentare zu „„Spielt doch zusammen!“ – Wie ist das eigentlich mit dem Teilen? Ist das Pflicht?

  1. Danke für diesen Beitrag! Ich gehöre zwar auch zu den „mein Kind muss gar nichts wenn es nicht will“-Eltern, aber über dieses Thema habe ich mir noch nicht wirklich Gedanken gemacht. Wahrscheilich, weil es bei uns noch nicht so aktuell ist…
    Allerdings haben wir uns letztens erst gewundert als wir am See waren: ein kleiner Ball lag ganz alleine, weit und breit keiner. Unser Kind hat begonnen, sich damit zu spielen, da ist ein Bub aufgetaucht und hat den Ball mit den Worten „das ist meiner“ unserem Kind entrissen und weit weggeschossen. Wir waren deshalb verwundert, weil der Bub gar nicht damit spielen wollte, sondern den Ball nur „in Sicherheit“ gebracht hat.
    Aus Sicht eines Erwachsenen scheint es zuerst unlogisch, dass Kinder ihre Spielsachen, mit denen sie eh gerade nicht spielen, nicht hergeben wollen. Der Vergleich mit dem Smartphone hat mir aber die Augen geöffnet!! Denn ich würde am See auch nicht ein fremdes Smartphone, ein Badetuch, Schuhe oder dergleichen benutzen, nur weil der Besitzer es gerade nicht verwendet, und schon gar nicht würde ich es ok finden, wenn jemand anders meine Sachen benutzen würde!
    Greets cao

    Gefällt 1 Person

    1. Danke dir für deinen Kommentar 🙂 auf den Einwand von dir bin ich noch gar nicht eingegangen. Ich denke, ich werde das noch ergänzen. „Verteidigen“ der eigenen Sachen ist für mich total okay, aber ich möchte, dass meine Tochter dafür auf vernünftige Strategien zurückgreift. Nicht „entreißen“, sondern mit Worten oder mit meiner Hilfe, so lange sie sich sprachlich nicht ausreichend ausdrücken kann. Danke dir!

      Gefällt 1 Person

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