Elternsein

Ein Küsschen für… gehört dein Körper doch nicht dir?

Es gibt kein wichtigeres Kapitel als die körperliche Integrität. Mein Körper gehört mir. Für uns Erwachsene völlig selbstverständlich, gegenüber Kindern eine gern gebrochene Regel. Kinder haben die gleichen Rechte wie Erwachsene. Auch was ihren Körper anbelangt. Das betrifft nicht nur (gewaltsames) Zähneputzen, Haare kämmen, wickeln oder andere Körperpflege, sondern auch – und vor allem – den Austausch von Intimitäten. Babys und Kinder sind nicht dafür da, abgeknutscht zu werden, wenn sie klar signalisieren, dass ihnen das unangenehm ist.

Babys und Kinder wollen nicht gegen ihren Willen durchgekitzelt oder festgehalten werden. Durch solche grenzüberschreitenden Handlungen wird ihre Würde verletzt. Kommunikation, Dank oder Begrüßung so ausdrücken zu müssen, wie es das Gegenüber unserer Kinder möchte hat nichts mit Höflichkeit und guten Manieren zutun, sondern mit Grenzüberschreitung der Erwachsenen.

Wo fängt die Grenze an?

Spätestens da, wo der Körper des anderen beginnt. An der Haut. Sie ist unser Mantel, unser Beschützer. Für jeden klar und unmissverständlich zu erkennen. Grenzen sind zudem sehr individuell. Sie werden durch Gefühle und Bedürfnisse bestimmt. Wir lernen ein Leben lang immer wieder unsere eigenen Grenzen kennen und neu abzustecken und entdecken die Grenzen anderer. Kinder haben auch Grenzen, die sie bereits sehr früh schon selbst festlegen können. Dafür brauchen sie meist noch die Unterstützung ihrer Eltern. Manchmal haben Kinder einfach keine Lust auf Nähe, ohne besonderen Grund. Manchmal erwidern sie nicht die Verbundenheit, die ihnen entgegengebracht wird. Und das ist in Ordnung.

Kinder beim „Nein!“ unterstützen

Je kleiner das Kind ist, desto weniger Möglichkeiten hat es, sein Unbehagen kund zu tun. Ich habe für mich festgelegt, dass ich zunächst immer von einem „Nein!“ meiner Tochter ausgehe, sofern sie nicht deutlich macht, dass die angebotene Nähe für sie okay ist, und schütze sie. Ich ermuntere sie jetzt schon deutlich zu einem „Nein!“ und zeige ihr, wie sie zusätzlich mit Gesten ihre Grenzen wahren kann. Ich halte schützend die Hand vor sie oder nehme sie auf den Arm, wenn sie meine Unterstützung benötigt. Und zwar möglichst bevor der Übergriff stattfindet. Ich versuche nicht, die Situation höflich zu überspielen, sondern kommuniziere klar, warum ich die Berührung, den Kuss oder das Umarmen nicht zulasse. Ich bin damit Vorbild für meine Tochter und helfe ihr dabei, Handlungssicherheit und Kompetenz für zukünftige Situationen zu erlangen. Auch ich selbst bleibe authentisch. Meine Tochter hat ein Gespür dafür, wenn ich mich unwohl fühle. Deswegen erwidere auch ich nur dann Zuneigungsangebote bei Begrüßungen oder zum Dank, wenn ich mich gut dabei fühle.

„Nein!“ heißt „Nein!“ – und nichts anderes !

Und da zählen auch keine Argumente, wie „wir sind doch eine Familie“ oder „das machen doch alle so“. Kinder brauchen das Gefühl, dass ihr „Nein!“ etwas zählt, gerade in Interaktion mit (engen) Bezugspersonen. Sie lernen in den ersten Lebensjahren, dass ihr Körper ihnen gehört und dass Berührungen nur gestattet sind, wenn sie ihre Zustimmung geben.

Gerade gegenüber Eltern oder anderen Familienmitgliedern sind Kinder kaum in der Lage, ihre Integrität zu wahren. Sie stellen ihr eigenes Bedürfnis nach körperlicher Unversehrtheit oder Distanz hinten an, um Konflikte zu vermeiden, sich anzupassen und um dazu zu gehören. Konformität ist ihnen oft wichtiger als Integrität. Wenn ihnen dann noch eingeredet wird, dass das Küsschen von der Tante oder die innige Umarmung vom Opa normal ist, auch wenn sie es nicht möchten, und ihre Ablehnung, die sie dabei empfinden, nicht geachtet wird, dann suchen sie die Schuld für die bei ihnen dadurch entstehenden unangenehmen Gefühle bei sich selbst. Wird dann noch mit Floskeln wie „Dann nimmt die Tante das Geschenk wieder mit!“, „Dann haben wir dich nicht mehr lieb!“ oder „Das macht mich aber ganz traurig, dass ich keinen Kuss bekomme!“ hantiert, wird dem Kind eine Verantwortung zugeschoben, die es nicht schultern kann und nicht schultern darf! Menschen können Auslöser für die Gefühle anderer sein, aber sie sind nicht verantwortlich dafür, alles andere ist nicht gewaltfrei. Auch das lernen Kinder erst, aber nicht indem sie mit solchen Sätzen konfrontiert werden. Jesper Juul fasst sich da etwas kürzer und trifft es meiner Meinung nach exakt auf den Punkt:

„Wenn jemand seine Integrität opfern muss, um den anderen zufrieden zu stellen, dann ist der Preis in jedem Fall zu hoch. Das ist ein einfaches ethisches Prinzip.“ (Jesper Juul)

Je mehr wir den Kindern vorleben, dass wir selbst auch Grenzen haben, und diese wahren, desto eher werden sie auch ihre eigenen Grenzen verteidigen, weil sie erkennen, dass das so in Ordnung ist. Von uns Eltern lernen Kinder, wie man Grenzen kommunizieren kann, damit andere sie wahrnehmen. Und nicht dadurch, dass wir ihre Grenzen für sie bestimmen oder übergehen. Kinder, die bei der Wahrung ihrer körperlichen Integrität unterstützt werden, leben sicherer. Sie brauchen das Gefühl, dass es niemals einen Moment gibt, in dem sie ihre Würde aufgeben müssen und andere darüber entscheiden, was mit ihrem Körper passiert.

Das ist ein wichtiger Aspekt der Missbrauchsprävention

Wenn Kinder bei ihren eigenen Eltern (und wichtigen Bezugspersonen) die Erfahrung machen, dass ihr „Nein!“ etwas zählt, dann schließen sie daraus, dass Fremde erst recht nicht ihre Grenzen überschreiten dürfen. Umgekehrt wird genau das Gegenteil erreicht: Wenn selbst Mama und Papa schon nicht darauf reagieren, wenn ich etwas nicht will, obwohl sie mir am nächsten stehen, wieso sollten dann Fremde meine Grenzen respektieren!? Der Weg ist vor allem dann dafür geebnet, wenn Kindern von klein an durch permanente Grenzüberschreitung suggeriert wird, dass nicht sie selbst über sich und ihren Körper entscheiden, sondern andere, die stärker sind. Mal so und mal so funktioniert hier nicht. Kinder nehmen Übergriffe durch ihre Eltern hin, genauso wie sie deren bedingungslose Liebe erwarten. Das, was in diesem Kontext passiert, wirkt sich maßgeblich auf ihr Verständnis von Liebe in Interaktion mit anderen Menschen im Erwachsenenalter aus. Wer das als Kind hinnehmen musste, wird sich auch als Erwachsener in Beziehungen eher damit arrangieren und sich unterdrücken lassen. Oder, anders herum, sich selbst so verhalten und die, von denen er geliebt wird, entsprechend schlecht behandeln.

Wer hat Angst vor’m schwarzen Mann?

Den bösen, ’schwarzen Mann‘, wie er in einem Kinderlied beschrieben wird, oder den Fremden mit dem dunklen Lieferwagen, der Kinder mit Süßigkeiten in sein Auto lockt, gibt es statistisch belegt eher selten. Missbraucht wird am häufigsten in der Familie. Niemand hört und liest das gern, in den meisten Fällen jedoch ist es der Opa, der Freund der großen Schwester, der neue Partner der Mutter oder der Cousin, der immer so kinderlieb ist. Mit „fremd“ kann also erst mal jeder, außer den eigenen Eltern, gemeint sein. Umso wichtiger ist es, dass Kinder stets wissen, dass sie sich immer an ihre Eltern wenden können, und auch dann nicht, wenn Sie vermeintlich etwas falsch gemacht haben, für ihre Offenheit bestraft werden. Denn die Täter gehen meist strukturiert vor und üben oft emotionalen Druck aus, um den Opfern die Schuld an der Tat selbst zu geben und machen sie für Konsequenzen verantwortlich, wenn sie das „gemeinsame Geheimnis“ verraten. Altersgerechte Missbrauchsprävention ist ein komplexes Thema, was ich zu einem späteren Zeitpunkt nochmal aufgreifen möchte.

Meine Tochter soll wissen, dass ich immer hinter ihr stehe und dass wir uns nicht aus Konformität verbiegen und unsere eigenen Gefühle und Bedürfnisse in den Hintergrund rücken, nur um anderen eine Freude zu bereiten! Sie soll niemals denken, dass ihre Gefühle und Bedürfnisse in Bezug auf ihren Körper weniger zählen, als die der anderen und dass sie ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse ignorieren muss, um andere glücklich zu machen.

Alles Liebe, Isabel!

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Kategorien:Elternsein

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