Elternsein

Auszeiten: Neue Ziele, alte Mittel und warum es dadurch auch nicht besser wird!

Kürzlich haben wir während eines Besuchs bei Freunden hautnah mitbekommen wie das funktioniert mit diesen Auszeiten, die wir bisher nur beim Mannschaftssport bei Fouls oder Diskussionen mit dem Schiedsrichter gesehen haben. Eine Runde auf der Bank sitzen, nachdenken, runterkommen und dann weiterspielen. Ach, und von früher, ich erinnere mich dunkel an „Die Supernanny“, da wurde diese vielversprechende Maßnahme gerne mal auf der „Stillen Treppe“ durchgeführt. Heute distanziert sich Katia Saafrank von dieser Praktik.

Das knapp etwas über einjährige Kind kneift im Vorbeilaufen den Vater. Und weil gutes Zureden bisher nicht gefruchtet hat, wird der Junge nun in den Flur AUS-gesperrt, damit er versteht, dass Kneifen unerwünscht ist. Er bekommt eine Auszeit. Schreiend und jammernd protestiert er gegen die für ihn unverständliche Maßnahme hinter der Tür, Hilfe zur Regulation seiner Gefühle bekommt er nicht. Angeblich habe sich das Verhalten schon gebessert, er kneife nicht mehr ganz so oft, außerdem habe er im Flur die Möglichkeit in Ruhe über sein Fehlverhalten nachzudenken.

Die Idee ist eigentlich nicht verkehrt. Die Eltern wünschen sich scheinbar ein Kind mit gutem Sozialverhalten, was Rücksicht nimmt und liebevoll zu anderen Menschen ist. Dass sie ihm mit der Auszeit genau das Gegenteil vorleben, ist ihnen scheinbar nicht bewusst.

Auszeit ist Strafe, ist Liebesentzug, ist Schmerz, ist Demonstration von Macht!

Nichts anderes!

Egal wie nett verpackt das klingt. Eine Auszeit zu verhängen kommt einer Bestrafung gleich. Bestrafung ist das Vorenthalten von etwas Angenehmen oder das Hinzufügen von etwas Unangenehmen, mit der Intention, aktuelles Verhalten zu unterdrücken, künftiges Verhalten in eine gewünschte Richtung zu formen oder zu verstärken. Zweifelsohne sind Auszeiten  unangenehm.

Was erleben Kinder, die ausgesperrt, auf einen ruhigen Stuhl gesetzt oder auf die stille Treppe verwiesen werden? Eine erzwungene Isolation von ihren Liebsten, den Eltern, die sie lieben und von denen sie abhängig sind. Sie werden aus der Familie ausgeschlossen. Sie fühlen sich verlassen. Jungen Kindern, unter zwei Jahren, fehlt Objektpermanenz, also die Fähigkeit zu erkennen, dass Personen oder Dinge noch vorhanden sind, auch wenn sie sie nicht sehen können. Sie erkennen nicht, dass sich die Auszeit auf das von ihnen gezeigte Verhalten richtet und nicht gegen sie als Person. Sie haben keine Möglichkeit, sich aus der Situation zu befreien, sie fühlen sich schlichtweg machtlos. Kleinkinder können dieses gemeine und beunruhigende Gefühl nicht greifen.

Es ist nichts falsch daran, Kindern Rückzugsmöglichkeiten zu schaffen, wenn sie diese brauchen und freiwillig aufsuchen und die selbstgewählte Trennung somit jederzeit beenden können. Oft ist es hilfreich, den emotionalen Ort des Geschehens zu verlassen, auch in Begleitung der Eltern und im Kinderzimmer zu wüten, auf ein Kissen zu schlagen oder den Kummer heraus zu weinen. Das basiert allerdings auf Freiwilligkeit und kann eine Chance sein, sich zu beruhigen. Aber nicht allein, sondern mit Begleitung.

„Wenn Eltern und Lehrer körperliche Strafen durch andere Arten von Strafen ersetzten, würden sie Kindern dadurch zwar nicht beibringen, zu schlagen, zu hauen und zu treten; aber sie würden dennoch die Vorstellung aufrechterhalten, das Zufügen von Schmerz sei eine legitime Art, Macht auszuüben. …Die Folge kann eine nicht weniger starke Untergrabung von Mitgefühl und sozialem Interesse sein.“ (Joan McCord)

Kurzfristig mag ein unerwünschtes Verhalten dadurch unterdrückt oder unter Kontrolle gehalten werden können. Langfristig lernen Kinder, dass Gewalt eine in der Familie akzeptierte Strategie ist, um Probleme zu lösen und Schwächere zu unterdrücken. Sie lernen, dass die Menschen, an denen sie sich orientieren, die sie lieben und die sie nachahmen, Macht anwenden, um andere zur Aufgabe zu bewegen und unglücklich zu machen. Ihnen wird dadurch eine Strategie zum Lösen von Konflikten vorgelebt, mit der sie später in zwischenmenschlichen Beziehungen scheitern werden. Niemand möchte so behandelt werden. Kinder empfinden dieses Vorgehen irgendwann als ein normales und angemessenes Mittel im Miteinander, passen sich an und reagieren dann vielleicht auch nicht mehr mit starken Emotionen auf die Auszeiten und Bestrafungen. Oft als falsch gedeuteter Erfolg der Erziehungsmaßnahme Auszeit.

Langfristig erreichen wir also nichts. Nur dass unsere Kinder antisozial, also genau das werden, was wir eigentlich mit der Bestrafung unerwünschten Verhaltens verhindern wollten. Warum? Weil sie am eigenen Leib erfahren, dass man sich gegenüber Schwächeren durchsetzen kann, indem man ihnen wehtut. Bestrafte Menschen, egal ob Kinder oder Erwachsene, werden wütend und fühlen sich wertlos. Sie sind in dem Moment machtlos, weil jemand, der Macht über sie besitzt, straft, ohne dass sie daran etwas ändern könnten. Sie haben Angst, entwickeln Misstrauen und Schuldgefühle, weil ihnen signalisiert wird, dass etwas mit ihnen nicht stimmt, so wie sie sind.

Dem zu Beginn genannten zweijährigen Jungen fehlen noch entscheidende Kommunikationskompetenzen zur Kontaktaufnahme mit anderen Menschen. Körperlichkeit, auch kneifen, ist altersgerecht und nicht mit Fehlverhalten gleichzusetzen, wie es bei älteren Kindern, die bereits in der Lage sind, die Gefühle anderer Personen zu erfassen und stellvertretend nachzuempfinden, der Fall wäre. Für ihn ist das Kneifen eine bloße Kontaktaufnahme mit dem Wunsch nach Verbindung. Durch das Verhalten seiner Eltern wird, führ ihn nicht nachvollziehbar, dieses Bedürfnis mit Ausgrenzung quittiert. Das Ergebnis ist eine Spirale weiterer Wut, mit folgenden Konsequenzen seitens der Eltern. Den Zusammenhang zwischen seiner Handlung und der Resonanz seiner Eltern kann er nicht erkennen. Ihm wurde nicht gezeigt, wie er sich alternativ verhalten kann. Wie wir uns Kontaktaufnahme wünschen, zum Beispiel durch streicheln oder umarmen.

Alternativen

Kuscheln, reden, erklären, vorleben. Kleinkinder sind erst dabei zu lernen, wie Kommunikation funktioniert. Wir müssen ihnen zeigen, was wir mögen und wie sie uns erreichen können, indem wir ihnen einfühlsam begegnen. Wir kennen unsere Kinder und wir können meist vorhersehen, wie sie sich in bestimmten Situationen verhalten.

Um sich selbst und auch andere zu schützen, kann eine gleich kneifende Hand umgelenkt und eine Alternative aufgezeigt werden: „Kneifen tut mir weh, aber ich mag es, wenn du mich mit dem Finger antippst oder streichelst. Dann weiß ich, dass du meine Aufmerksamkeit brauchst.“

Alles Liebe, Isabel!

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