Achtsamkeit · Elternsein

Bitte! Danke! Entschuldigung! – warum Eltern ihre Kinder täglich zum Lügen anstiften, ohne es zu merken!

Da ist er, der fiese Alltags-Behaviorismus. Skinner und Konditionierung lassen grüßen! Egal ob auf dem Spielplatz oder im Supermarkt, die Forderungen „Wie sagt man?“ und „Wie heißt das Zauberwort?“ tönen wie eine Endlosschleife. Ich höre das ständig, und frage mich: Was erhoffen sich Eltern davon, wenn sie von ihren Kindern hohle Phrasen verlangen, deren Bedeutung sie aufgrund ihres jungen Alters und den damit fehlenden kognitiven Fähigkeiten noch gar nicht ergründen können? Dass sie ihnen dadurch einleuchten? Oder fühlen sie sich den ihnen unbekannten Leuten in der Öffentlichkeit verpflichtet, das, was ‚man’ sagt, aus ihren Kindern heraus zu kitzeln? Mir lag es auch schon so oft auf der Zunge, wenn die Verkäuferin an der Käsetheke ausgiebigen Dank von Mini erfordert. Oder wenn sie auf dem Spielplatz ein Förmchen gereicht wird und die anderen Eltern ungeduldig gucken.

Wer ständig dazu aufgefordert wird, sich zu bedanken, zu entschuldigen oder um etwas zu bitten, was ihm in Aussicht gestellt wird, der denkt nicht mehr selbst nach wann gewisse Formulierungen gesellschaftskonform sind, sondern wartet darauf, dazu aufgefordert zu werden, sie auszusprechen. Auch wenn Mini diese Floskeln noch nicht beherrscht, so bin ich davon überzeugt, dass sie sie irgendwann von selbst sagen wird, nämlich zum Beispiel dann, wenn sie echte Dankbarkeit empfinden kann und diese auch ausdrücken möchte.

Erziehung ist Liebe und Vorbild, mehr nicht!

Kinder lernen von uns. Sie übernehmen ganz selbstverständlich die Haltung zu Moral und Werten, die ihnen von ihren Bezugspersonen vorgelebt wird. Mit der Zeit erkennen sie, wann wir uns bedanken, zum Beispiel, wenn wir etwas überreicht bekommen haben, und wann wir um etwas bitten, zum Beispiel, wenn wir etwas haben möchten oder jemand anderes etwas für uns tun soll. Auch ohne, dass wir sie regelmäßig dazu auffordern.

Mit der Entschuldigung ist es nochmals komplexer.

Ohne Empathie kein „sorry“

Wer sich aus echter Überzeugung entschuldigt, der hat die Fähigkeit zur Empathie. Empathie kann nicht anerzogen, antrainiert oder beigebracht werden, sondern ist ein kognitiver Meilenstein, den Kinder in ihrer Entwicklung vor Ende der Autonomiephase mit ca. 3,5 Jahren nicht erreichen. Ihnen fehlt bis dato noch die Fähigkeit, die Perspektive anderer Menschen einzunehmen, die Situation aus deren Standpunkt zu betrachten und ihre Gefühle wahrzunehmen.

Worauf kommt es uns Eltern da in diesen Momenten eigentlich an? Ist uns Ehrlichkeit egal, Hauptsache ‚man‘ sagt das Richtige? Damit andere keine unerwünschten Gedanken hegen? So geht es mir ziemlich oft. Allerdings versuche ich mir immer und immer wieder Folgendes ins Gedächtnis zu rufen:

Durch erzwungene Entschuldigungen lernen Kinder nur, Dinge zu sagen, die sie gar nicht wirklich meinen – mit anderen Worten, zu lügen. (Alfie Kohn)

Um Konflikte zu lösen oder Verhalten, mit dem ich jemand anderen (un)absichtlich verletzt habe, zu mildern, reicht die bloße Phrase „Entschuldigung.“ nicht aus. Da muss mehr kommen, nämlich echte Gefühle. Dieses gern verlangte Wort zaubert weder vorhandene Gefühle weg, noch kann ich damit eigene Handlungen relativieren. Und genau das scheinen Kinder damit zu verknüpfen, wenn sie zur Höflichkeit ‚erzogen‘ werden. Egal was ich tue, mit einer gelernten Vokabel kann ich das wieder gerade richten. Denn nur darauf kommt es an.

Und im Alltag?

Wenn es meiner Umgebung und vor allem mir selbst in dem Moment wichtig ist, anderen ein gutes Gefühl zu geben und mich für das Verhalten meines Kindes zu entschuldigen, dann verwende ich oft ein „Es tut mir leid, dass ich nicht schnell genug zur Stelle war, um dich vor dem Kneifen meiner Tochter zu schützen.“

Auch die Fleischereifachverkäuferin, die gerne mal mit aufgespießten Köstlichkeiten hinter der Wursttheke wedelt und vor der Herausgabe gerne mal eins der beiden Zauberwörter „bitte“ und „danke“ verlangt, soll selbstverständlich nicht zu kurz kommen: „Ich danke Ihnen, dass Sie meinem Sohn eine Scheibe Wurst schenken möchten!“

Das alleine reicht völlig aus, damit sich Kinder, wenn sie so weit sind und den Sinn dahinter verstehen können, entschuldigen, bedanken und  um etwas bitten.

Alles Liebe, Isabel!

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