Achtsamkeit · Elternsein

Schlaflernprogramme und deren weitreichende Folgen

Zum ersten mal kamen wir mit solch einem Unfug in Kontakt, als wir irgendwann mal, als unsere Tochter knapp vier Monate alt war, in der örtlichen Schreiambulanz um Hilfe bitten wollten. Nach langem Warten auf einen Termin, einem einstündigen Gespräch, was eher einem Monolog galt, erhielten wir zwei Blätter Papier mit einer Anleitung, wie wir unserer Tochter das Schreien abgewöhnen können. Noch nicht so thematisch in der Materie drin, konnten wir die Tipps und Hinweise nicht wirklich zuordnen, beim lesen schon machte sich bei uns ein unangenehmes Gefühl breit. Heute wissen wir, dass diese Schreiambulanz uns das Schlaflernprogramm „Ferbern“ empfohlen hat. Deutlich ausgesprochen: Wir sollen unsere Tochter „kontrolliert schreien lassen“, weil sie uns durch ihr Gebrüll, was in den Abendstunden und in der frühen Nacht meist seinen Höhepunkt erreichte, manipulieren will.

Uns wurde durch das ausgehändigte Lesematerial dazu geraten, unseren Buddha schreien zu lassen, damit sie lernt, alleine einzuschlafen. Diese Praktik ist nur durchführbar, wenn Kinder in ihrem eigenen Zimmer schlafen. Leider habe ich nirgends einen Hinweis darauf gefunden, dass dies das SIDS-Risiko (Plötzlicher Kindstod) erhöht. Ein Grund mehr, die Empfehlung als bedenklich einzustufen.

Ich kann verstehen wie verlockend das ist. Das Versprechen, dass nach nur ein paar Nächten Konsequenz alle Probleme rund um das Thema Babyschlaf und das dauerhafte Schreien gelöst sein sollen und ganze Nächte durchgeschlafen werden. Kurzfristig mögen diese Programme wie das gleichnamige nach dem amerikanischen Schlafforscher Ferber bekannte „kontrollierte Schreienlassen“ oder das deutsche Pendant „Jedes Kind kann schlafen lernen“ Erfolg haben, langfristig richten sie beim Baby und in der Beziehung zu den Eltern großen Schaden an. Babys haben kein Zeitgefühl, die vorgegebenen Zeitintervalle haben daher keinen pädagogischen Wert. Im Gegenteil, Babys, deren Bedürfnisse schnell gestillt werden, weinen eher weniger als solche, denen Manipulation und Tyrannei unterstellt wird.

Schreien lassen ist Gewalt!

Alleine schlafen ist gemein!

Es geht mir nicht darum, dass Babys nicht mal etwas „über den Punkt gezogen“ werden, damit sie später müde ins Bett fallen, oder dass die Tagschläfchen ein wenig an die Familienstruktur und die unumgängliche Termingestaltung angepasst werden. Das Leben muss schließlich weiter gehen und unsere westliche Welt wartet nicht auf uns. Auf Eltern mit bedürfnisstarken Babys (und Kindern) wird keine Rücksicht genommen. Trotzdem greifen wir damit in den Biorhythmus unseres Babys ein. Babys sollten, auch wenn ein wenig Moderation sicher nicht schädlich ist, weder dauerhaft vom Schlafen abgehalten noch jemals zum Schlafen gezwungen oder dazu alleine in dunklen Räumen zurückgelassen werden.

Wenn Babys schreien gelassen werden, obwohl das ihre einzige Möglichkeit ist, sich an ihre Bezugsperson zu wenden und Hilfe bei Unwohlsein, Angst, Schmerzen, Hunger oder einfach nur dem Bedürfnis nach Nähe zu erhalten, dann resignieren sie irgendwann. Resignation ist nicht mit Einsicht oder Lerneffekt gleichzusetzen, auch wenn das noch so nett in der entsprechenden Lektüre beschrieben ist. Wenn Eltern ihr Baby alleine lassen, dann weiß dieses nicht, dass sie vor der Kinderzimmertür stehen und fünf Minuten auf ihre Uhr schauen, bevor sie wieder kurz zum trösten hinein gehen. Für das Kind sind sie unwiederbringbar verschwunden. Bevor das Geschrei verstummt, geraten Babys in eine immer panischer werdende Gemütslage, da sie sich noch (lange) nicht selbst regulieren und für die Befriedigung ihrer Bedürfnisse sorgen können. Die emotionale Sicherheit wird massiv angegriffen. Der Körper schüttet Stresshormone aus, die auf Dauer den Organismus im Wachstum oder die Lernfähigkeit beeinträchtigen können. Irgendwann, wenn die Erregung im Zustand von Kampf und Flucht ihren Höhepunkt erreicht, wird das Baby aufgeben. Es wird ruhig werden und einschlafen. Dieses Verhalten wird fälschlicherweise oft als Erfolg des Schlaftrainings gedeutet. Das Baby ist eingeschlafen, Ziel erreicht.  Es speichert jedoch solche Erfahrungen, nämlich allein gelassen zu werden, das Gefühl der Angst und die empfundene Hilflosigkeit tief innen im Gehirn ab, verbunden mit der erlebten Einsamkeit beim Einschlafen. Der Schlaf wird so auf lange Zeit erst recht negativ belegt. Positive Verknüpfungen hingegen werden hergestellt, wenn Kinder und Babys von ihren Eltern in den Schlaf begleitet werden. Sie erfahren dabei eine verlässliche Nähe, die sie von tagsüber kennen und die es ihnen ermöglicht, eine Bindung voller Vertrauen zu ihren Bezugspersonen aufzubauen und später auch zu anderen Menschen.

Schreiende Babys verbrauchen Kalorien und somit Energie, die sie eigentlich dringend zum wachsen und gedeihen brauchen. Energie, die ihnen bei sinnlosen Machtspielchen entzogen wird. Ein Teufelskreis.

„Mir hat das auch nicht geschadet!“

Mein Gott, wie oft habe ich diesen Satz gehört. Eigentlich wollte ich Begegnung und Austausch, vielleicht auch etwas Mitgefühl oder ein paar aufmunternde Worte. Mit dieser Floskel erledigt sich bei mir irgendwie jede Diskussionsgrundlage. Verbindung ist für mich nicht mehr möglich. Warum? Weil ich, wenn ich mich  aufmerksam umschaue, der Meinung bin, dass solche Prozeduren wohl doch dem ein oder anderen geschadet haben. Zumindest demjenigen, der diesen Satz ausspricht. Empathie, Gefühl, Achtsamkeit. Alles nicht vorhanden.

Nicht immer sofort feststellbarer Schaden entsteht dann, wenn Babys dauerhaft in ihrer Not alleine gelassen werden und nicht von außen reguliert werden. Regulieren heißt hier nicht unbedingt, dass die Ursache für das Weinen immer gefunden werden kann. Hin und wieder hilft auch der beste Trost nicht. Oft erinnern wir uns als Erwachsene nicht daran, ob unsere Eltern uns als Babys oder Kleinkinder haben weinen lassen. Das heißt jedoch nicht, dass das Ignorieren unserer damaligen Bedürfnisse keine Folgen hinterlassen hat. Oft sind sie unsichtbar, manchmal äußern sie sich in Sätzen wie dem Obigen.

Was gut gemeint stets gerne unter dem Erziehungsdeckmantel zur Selbstständigkeit gerechtfertigt wird, führt ganz im Gegenteil dazu, dass Menschen, die als Babys schreien gelassen werden, später schlechter mit Stress umgehen können und dazu neigen, Schlafstörungen und Depressionen zu entwickeln. Babys und Kinder brauchen nicht abgehärtet werden. Zur Selbstständigkeit führen andere Wege. Einer davon nennt sich liebevolle Begleitung in Situationen, die das Baby oder Kind noch nicht alleine bewältigen kann. Selbstregulation wird durch Fremdregulation gelernt, die dort stattfindet, wo sie gebraucht wird. Feinfühlig und individuell.

Wir haben hier die Phase noch immer nicht überwunden. Schreien ist an der Tagesordnung, wir sind also noch mitten drin im Getümmel. Ich wünsche mir auch so sehr, dass es vorbei geht, ich finde es legitim auch auf Methoden zurückzugreifen, die kurzzeitig zum Nachteil des Babys oder Kindes sind, wenn die Eltern nicht mehr können und ihre Ressourcen auffüllen müssen, um wieder ganz für ihren Nachwuchs da zu sein. Trotzdem darf das nicht zu langfristigen Schäden führen und zur Dauererziehungspraktik werden, um abendliche Duelle auszufechten, wer da nun letztendlich am längeren Hebel sitzt.

Allein die Behauptung, dass es keine wissenschaftlichen Erkenntnisse darüber gibt, dass solche Methoden langfristig keinen Schaden anrichten, darf kein Freifahrtschein für deren Anwendung sein.

Alles Liebe, Isabel!

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2 Kommentare zu „Schlaflernprogramme und deren weitreichende Folgen

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